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Gerald Hüther, Die soziale Dimension der Hirnforschung
Geschrieben am 28.07.2003 von S. Ihlenfeldt

Wissenschaft Jugendliche S. Ihl schreibt:
"Manuskript zum Vortrag anläßlich der 5. Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster, 9. – 11. Juli 2003

Gerald Hüther, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Göttingen

Die soziale Dimension der Hirnforschung

1. Alles fließt......



1. Alles fließt......

Jede Wissenschaftsdisziplin durchläuft während ihrer Entwicklung bestimmte Phasen. In jeder dieser Phasen gelangt sie zu einer gewissen Erkenntnis der Phänomene, die sie untersucht und baut auf der Grundlage ihres bis dahin erlangten Verständnisses und des bis dahin akkumulierten Wissens ein bestimmtes Gedanken (Theorie-) Gebäude auf.
Dieses Gebäude ist anfangs meist noch recht wackelig. Es wird deshalb durch die gezielte Suche nach festen Bausteinen (sog. Wissenslücken oder missing links) stabilisiert durch verschiedene organisatorische Maßnahmen gefestigt und so gut wie möglich vor destabilisierenden Einflüssen störender Ideen und Vorstellungen geschützt (Fachgesellschaften, Fachzeitschriften, Fachkongresse etc.).

Was sich so allerdings nie ganz verhindern läßt, ist weiteres Wissen, das zwangsläufig dazukommt, wenn weiter an bestimmten Fragen gearbeitet, über Zusammenhänge nachgedacht und nach Lösungen gesucht wird. Dieses neue Wissen muß dann irgendwie in das alte Denkgebäude eingebaut werden, und so lange das gelingt, ist alles gut, und das Gebäude bleibt noch eine zeitlang stehen, wenngleich es allmählich immer eklektizistischere Gestalt in Form von Anbauten, Giebeln, Türmchen, Nebengelassen und Abstellräumen annimmt.
Irgendwann jedoch wird das ganze Gebäude so schwer begeh- (begreif-) bar, und paßt nur noch so schlecht in die Landschaft, dass ein drastischer Umbau oder sogar eine Neukonstruktion des ganzen bisher aufgetürmten Theoriegebäudes unvermeidbar wird.

Das sind Umbruchphasen, Achsenzeiten (Karl Jaspers) und in diesen Phasen wird ein altes, bisher für allein gültig gehaltenes Paradigma durch ein neues ersetzt, das die Möglichkeit bietet, das bisherige Wissen noch immer als gültiges Wissen zu nutzen, es aber in ein neues Gedankengebäude einzuordnen, das auch dem neuen Wissen Raum bietet, weil es übergreifender, umfassender, einfach weiter ist als das alte.
Paradigmenwechsel nennt das Thomas Kuhn, und diese Umbruchphasen sind die spannendsten Phasen in der Entwicklung einer Wissenschaftsdisziplin, weniger für diejenigen, die es sich im alten Haus gerade so recht bequem gemacht hatten, sondern eher für all jene, denen das alte Haus zu eng, zu muffig und zu unübersichtlich geworden ist.

Die klassischen Naturwissenschaften (Astronomie, Mathematik, Physik und Chemie) haben derartige Paradigmenwechsel bereits hinter sich. Sie sind alle durch eine Phase gegangen, in der sie zunächst alle beobachtbaren Phänomene gesammelt, beschreiben und sortiert haben. Dann wurden sie in alle Einzelteile zerlegt, und wo das ging, wurden die Eigenschaften dieser Teile so genau wie möglich untersucht und bestimmte Gesetzmäßigkeiten ihres Zusammenwirkens daraus abgeleitet.

Nachdem man lange genug versucht hatte, das Ganze aus der immer genaueren Kenntnis seiner Teile zu verstehen, war irgendwann eine Stufe erreicht, auf der Einzelne begannen, nun auch gezielt nach den unsichtbaren Kräften und Dimensionen zu suchen, die hinter den objektiv beobachtbaren und messbaren Phänomen verborgen waren. Namen wie Kopernikus, Kepler, Schrödinger, Einstein, Bohr, Heisenberg und Max-Planck markieren diese Wendepunkte unseres Weltverständnisses auf der Ebene der klassischen Naturwissenschaften.
Da es jedoch den meisten Menschen völlig egal ist, dass die Newtonschen Gesetze nur dort gelten, wo es nicht zu groß und nicht zu klein ist, dass es gekrümmte Räume gibt, dass die Zeit nur relativ ist und Wellen und Teilchen ineinander übergehen können, hat sich dieser Paradigmenwechsel nicht allzu sehr auf unser Leben und unser Selbstverständnis ausgewirkt.
Anders verhält es ich mit der Biologie, der Wissenschaft vom Leben oder gar mit der Hirnforschung und Psychologie, bei der sich jetzt ebenfalls ein solcher Paradigmenwechsel abzuzeichnen beginnt.

Und das ist eben das Besondere, wodurch sich die Erkenntnisse der Hirnforscher, Psychologen und Psychotherapeuten von den Erkenntnisse der klassischen Naturwissenschaften unterscheiden: Sie liefern uns nicht nur – so wie alle anderen Naturwissenschaften auch – immer neues, praktisch, nutzbares Wissen, um die Welt zu erkennen und sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Sie fördern auch und vor allem Wissen über uns selbst zu Tage, Wissen, das uns hilft, uns in uns selbst zurechtzufinden, uns selbst und unsere Stellung, auch unsere Rolle in der Natur zu erkennen.
Damit ist die Wissenschaft vom Bau und der Funktion des menschlichen Gehirns eigentlich zu etwas geworden, was sie nie sein wollte und was sie doch, wie wir gleich sehen werden, von Anbeginn war: Eine Orientierungswissenschaft für unser eigenes Selbstverständnis.

2. Hirnforscher sind auch nur Menschen.....

Was Hirnforscher über den Aufbau und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns herausfinden, hängt von den Fragen ab, die sie stellen. In der Vergangenheit war nur eine Frage erlaubt: „Wie funktioniert das Gehirn und wie läßt sich das auf der Suche nach diesen Funktionsmechanismen gesammelte Wissen praktisch nutzen?“ Hirnforschung war also im gesamten 20. Jahrhundert (und ist in vielen Bereichen noch heute) eher so etwas wie Hirnmechanik, Hirnchemie, Hirnphysik, oder alles zusammen Hirnphysiologie. Es ging dieser Hirnforschung um die Aufklärung des Räderwerkes im Gehirn bis hinunter zum einzelnen Molekül. Die Hirnchemiker suchten nach immer besseren „Schmiermitteln“ zur Verbesserung bestimmter Hirnfunktionen und chemische Fabriken fanden einen enormen Absatzmarkt für diese Produkte (35 Millionen US-Bürger nehmen heute regelmäßig sog. „Glückspillen“ in Form des Serotoninwiederaufnahmehemmers Prozac ein, und weltweit werden etwa 10 Millionen Kinder und Jugendliche mit einem sog. Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Psychostimulanzien wie Ritalin oder Aderall behandelt). Intensive Anstrengungen wurden unternommen, um einzelne Hirnfunktionen in bestimmten „Hirnschachteln“ zu lokalisieren (Regulationszentren für sexuelles Verlangen, Nahrungsaufnahme oder Suchtverhalten, bis hin zur Suche nach Regionen im Hirn, in denen so komplexe Empfindungen wie Glück, Hass, Eifersucht, Liebe oder gar Religiosität entstehen).

Die bei all diesen Untersuchungen am menschlichen Gehirn gewonnenen Daten wurden geordnet in das, was „der Norm“ entsprach, und alles, was davon abwich wurde als „abnormal“ bezeichnet, als „Störung“ und als „Krankheit“ eingestuft, die nach dem damaligen Wissensstand eine „hirnorganische Ursache“ haben mußte, die ihrerseits wieder nur „genetisch“ bedingt sein konnte. Konsequenterweise war diese Störung dann nur noch durch Korrektur des Räderwerkes mittels psychopharmakologischer oder eben genetischer Manipulation zu erreichen. Am Ende des 20. Jahrhunderts begann eine intensive Suche nach neuen diagnostischen Verfahren, mit deren Hilfe die „Beweismittel“ für die vermuteten Störungen des Räderwerkes im Gehirn vorgeführt werden konnten. Sie mündete in technologischen Entwicklungen in Form der sog. bildgebenden Verfahren (NMR, PET, SPECT), die es ermöglichten, dem lebendigem Gehirn sozusagen „bei der Arbeit“ zuzuschauen.

Auf diese Weise wurde aber auch das Tor zum Hirn aber auch für Beobachtungen geöffnet, die für das alte Denken der meisten Hirnforscher bis dahin Unvorstellbares bedeuteten: Das menschliche Gehirn erwies sich als weitaus plastischer und anpassungsfähiger als bisher vermutet worden war. Die Art und Weise, wie ein Mensch sein Gehirn nutzt, welche Erfahrungen er im Lauf seines Lebens macht, was er immer wieder denkt, und wie er immer wieder handelt, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welche Nervenzellverschaltungen in seinem Gehirn besonders gut entwickelt, ausgebaut und gefestigt werden. Das Gehirn, so lautete nun die neue Botschaft der Hirnforscher zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wird so, wie man es benutzt. Damit stellte sich nun aber auch erstmals die Frage, wie und wofür man als Mensch sein Gehirn benutzen sollte, damit es sich so strukturiert, dass es auch später für alles, worauf es im Leben ankommt, optimal einsetzbar ist. Damit hat die alte Frage „wie funktioniert das Gehirn, und wie kann man diese Erkenntnisse nutzen?“ einen völlig neuen Bereich eröffnet, den bisher kaum ein Hirnforscher zu betreten gewagt hatte, denn in diesem Bereich geht es nicht mehr allein um das Gehirn, sondern um uns selbst. Und hier lauten die wichtigsten Fragen: Warum sind wir so geworden, wie wir sind? Und: Was brauchen wir, um als Menschen leben, um ein menschwürdiges Leben führen zu können? Und nicht zuletzt: Worauf müssen wir achten, damit unsere Nachkommen nicht nur überleben, sondern vielleicht auch einmal menschlicher als wir leben können?

Der Umzug der Hirnforscher in dieses neue Denkgebäude mit diesen neuen Fragen ist ein schwieriger Prozess. Das hat viele Gründe, die wichtigsten sind wohl in den Wissenschaftlern selbst zu suchen, in ihrem Selbstverständnis und in den Motiven, von denen sie sich bei ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit leiten lassen.
Nur wenige sind sich selbst darüber im klaren, dass sie mit dem von ihnen gesammelten und veröffentlichtem Wissen andere, oft sogar sehr viele andere Menschen beeinflussen. Andere sind auch nur Menschen und freuen sich, und verfassen eine Pressemitteilung, wenn sie etwas gefunden haben, was sie in ihren eigenen Vorstellungen und Grundüberzeugungen bestärkt.
Aber es gibt auch solche, die Angst davor haben, dass sie anderen Menschen mit dem beeinflussen könnten, was sie herausfinden und die sich deshalb mit ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit in möglichst entlegene Gebiete des Gehirns zurückziehen. Dann gibt es noch einige ganze Menge, denen das, was sie da treiben ziemlich egal ist und die sich in erster Linie darum kümmern, wie sie selbst am besten voran, zu Macht, Ansehen und Einfluss kommen.
Und schließlich gibt es noch solche, die einen siebten Sinn für das entwickelt haben, was sehr viele ihrer Zeitgenossen draußen am liebsten hören würden, um sich aus berufenem Munde bestätigen zu lassen, dass sie so wie sie denken, fühlen und handeln, völlig richtig liegen.

Was die Neurobiologie also vor allem braucht, um zu einer Wissenschaft zu werden, die uns hilft, unser Gehirn und damit uns selbst zu verstehen, sind Forscher, die nicht in erster Linie sich selbst, sondern die das Leben, die Natur und alles was das Leben ausmacht, lieben. Die wird es nur geben, wenn es immer mehr Menschen gibt, die ebenfalls nicht zuvorderst sich selbst, sondern die das Leben, die Natur und alles was das Leben ausmacht, lieben, und die deshalb beginnen, andere Fragen an die Hirnforscher zu stellen.
Damit man diese Liebe, oder wie es Albert Schweitzer so treffend bezeichnet hat, diese „Ehrfurcht vor dem Leben“ empfinden kann, braucht man ein Gehirn.
Und wenn das, was die Hirnforscher herausgefunden haben, richtig ist, muss das ein Gehirn sein, in dem es bestimmte Verschaltungen gibt, die – wenn sie aktiviert werden – ein Gefühl auslösen. Und wenn die Ergebnisse der Entwicklungsneurobiologen und Entwicklungspsychologen stimmen, dann kann ein Gefühl enger Verbundenheit mit anderen Lebewesen und der Natur nur von einem Menschen entwickelt werden, der das Glück hatte, in einer engen Beziehung zu anderen Menschen groß zu werden, zu Menschen, die ihm das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit schenkten und die selbst eine tiefe Ehrfurcht vor dem Leben und eine tiefe Leibe zur Natur empfanden.

Dass Hirnforscher, wie alle Wissenschaftler, mit ihren objektiven Erkenntnissen, aber auch mit ihren Vermutungen und Halbwahrheiten, einen starken Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen haben, ist offenkundig und wird in allen Bereichen unserer Gesellschaft für jedermann sicht- und spürbar. Weniger bewusst ist jedoch vielen Menschen in unserer Gesellschaft, dass sie selbst, jeder einzelne und alle zusammen, mit ihren stillen Erwartungen und Hoffnungen, mit ihren tradierten Vorstellungen, durch die von ihnen geschaffenen Verhältnisse und nicht zuletzt durch die Ziele und Orientierungen, die sie in ihrem jeweiligen Leben verfolgen, die in diese Gesellschaft hineinwachsenden Wissenschaftler, einzelne Forscher ebenso wie ganze Disziplinen, prägen und in eine bestimmte Richtung lenken. Hirnforschung selbst, und alles, was die Hirnforscher herausfinden, ist also in gewisser Weise ein soziales Produkt.

3. Das Gehirn entwickelt sich nicht von allein......

Kindergehirne sind formbarer - und deshalb auch verformbarer – als selbst die Hirnforscher noch bis vor wenigen Jahren geglaubt hatten. Keine andere Spezies kommt mit einem derart offenen, lernfähigen und durch eigene Erfahrungen in seiner weiteren Entwicklung und strukturellen Ausreifung gestaltbaren Gehirn zur Welt wie der Mensch. Nirgendwo im Tierreich sind die Nachkommen beim Erlernen dessen, was für ihr Überleben wichtig ist, so sehr und über einen vergleichbar langen Zeitraum auf Fürsorge und Schutz, Unterstützung und Lenkung durch die Erwachsenen angewiesen, und bei keiner anderen Art ist die Hirnentwicklung in solch hohem Ausmaß von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz dieser erwachsenen Bezugspersonen abhängig wie beim Menschen.

Diese erwachsenen Bezugspersonen haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie und wofür ein Kind sein Gehirn benutzt und damit auch darauf welche Verschaltungen zwischen den Milliarden Nervenzellen besonders gut gebahnt und stabilisiert, und welche nur unzureichend entwickelt und ausgeformt werden können. Das gilt insbesondere für den jüngsten Teil des Gehirns, das Stirnhirn. Die in dieser Region während der Kindheit herausgebildeten Verschaltungen sind für die Steuerung der wichtigsten späteren Leistungen des menschlichen Gehirns zuständig (Selbstwirksamkeitskonzept und Motivation, Impulskontrolle und Handlungsplanung, soziale und emotionale Kompetenz). Um die hierfür erforderlichen, hochkomplexen Verschaltungen ausbilden zu können, müssen Kinder möglichst viele und möglichst unterschiedliche eigene Erfahrungen machen. Dazu brauchen sie vielfältige stimulierende (ihre emotionalen Zentren aktivierende) Angebote und Herausforderungen und – um diese annehmen und erfolgreich bewältigen zu können – Sicherheit- und Orientierung-bietende Bindungsbeziehungen.

Die Ausbildung sicherer Bindungsbeziehungen ist jedoch nur der erste Schritt eines langen und komplizierten Sozialisationsprozesses. Im Verlauf dieses Prozesses lernt jedes Kind, sein Gehirn auf eine bestimmte Weise zu benutzen, indem es dazu angehalten, ermutigt oder auch gezwungen wird, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten stärker zu entwickeln als andere, auf bestimmte Dinge stärker zu achten als auf andere, bestimmte Gefühle eher zuzulassen als andere, also sein Gehirn allmählich so zu entwickeln, dass es sich damit in der Gemeinschaft in die es hineinwächst zurechtfindet. Damit es Kindern gelingt, sich im heutigem Wirrwarr von Anforderungen, Angeboten und Erwartungen zurechtzufinden, brauchen sie Orientierungshilfen, also äußere Vorbilder und innere Leitbilder, die ihnen Halt bieten und an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten. Nur unter dem einfühlsamen Schutz und der kompetenten Anleitung durch erwachsene „Vorbilder“ können Kinder vielfältige Gestaltungsangebote auch kreativ nutzen und dabei ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und weiterentwickeln. Nur so kann im Frontalhirn ein eigenes, inneres Bild von Selbstwirksamkeit stabilisiert und für die Selbstmotivation in allen nachfolgenden Lernprozessen genutzt werden.

Das Gehirn, so lautet die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Hirnforscher, lernt immer, und es lernt das am besten, was einem Heranwachsenden hilft, sich in der Welt, in die er hineinwächst, zurecht zu finden und die Probleme zu lösen, die sich dort und dabei ergeben. Das Gehirn ist also nicht zum Auswendiglernen von Sachverhalten, sondern zum Lösen von Problemen optimiert. Und da fast alles, was ein heranwachsender Mensch lernen kann, innerhalb des sozialen Gefüges und des jeweiligen Kulturkreises direkt oder indirekt von anderen Menschen „bezogen wird“ und der Gestaltung der Beziehungen zu anderen Menschen „dient“, wird das Gehirn auch nicht in erster Linie als Denk- sondern als Sozialorgan gebraucht und entsprechend strukturiert. Und wenn das so ist, dann werden die wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben machen kann und die in seinem Gehirn in Form bestimmter neuronaler und synaptischer Verschaltungsmuster verankert werden (und sein weiteres Denken, Fühlen und Handeln, seine Einstellungen und Bewertungen im weiteren Leben bestimmen), eben nicht in der Schule, sondern im Leben, und nicht ab 6 Jahren, sondern vom ersten Tag an gemacht.

4. Erfahrungen strukturieren das Gehirn......

Was wir – jeder einzelne von uns wie auch die Gesellschaft, die wir bilden – heute sind, ist das Ergebnis von Kräften, die im Verlauf unserer bisherigen Entwicklung auf uns eingewirkt und uns zu bestimmten Entscheidungen gezwungen haben. Und was in Zukunft aus uns – aus unseren Kindern und der Gesellschaft, in die sie hineinwachsen – wird, hängt von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen. Das, was uns bei all diesen Entscheidungen leitet, ist nicht unser Geist oder unser Bewusstsein, auch nicht all unser auswendig gelerntes oder von dem Geplapper der Medien übernommenes Wissen, sondern die Erfahrungen, die wir im Verlauf unserer bisherigen Entwicklung gesammelt haben. Die Erfahrungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens gemacht hat, sind fest in seinem Gehirn verankert, sie bestimmen seine Erwartungen, sie lenken seine Aufmerksamkeit in eine ganz bestimmte Richtung, sie legen fest, wie er das, was er erlebt, bewertet und wie er auf das, was ihn umgibt und auf ihn einstürmt, reagiert. In gewisser Weise sind diese individuell gemachten Erfahrungen der wichtigste und wertvollste Schatz, den ein Mensch besitzt. Er kann ihn nicht nur für sich selbst nutzen, sondern – wenn er einmal die Erfahrung gemacht hat, daß Verschenken sehr viel Freude macht – auch versuchen, ihn an andere weiterzugeben. Das Besondere an diesem Erfahrungsschatz ist, daß er dadurch, daß man ihn benutzt und verteilt, nicht immer kleiner, sondern immer größer wird.

Normalerweise macht jeder Mensch im Lauf seines Lebens immer wieder neue Erfahrungen. Am Anfang – wenn noch vieles neu und fremd ist – sind es besonders viele, später – wenn er bereits über einen gewissen Erfahrungsschatz verfügt, der ihm hilft, sich in seiner Welt zurechtzufinden – werden es immer weniger. Aber prinzipiell können neue Erfahrungen bis ins hohe Alter gesammelt werden. Das bedeutet: Je älter ein Mensch ist, desto umfangreicher ist auch der Erfahrungsschatz, über den er verfügt, und um so umsichtiger sind auch die Entscheidungen, die er auf der Grundlage dieser Erfahrungen zu treffen imstande ist. Wenn diese Weisheit des Alters in unserer Gesellschaft seit einigen Generationen zunehmend geringgeschätzt und misskreditiert wird, so hat das viele Gründe, die aber nicht in der Organisation des Gehirns, sondern in der Entwicklung und Ausrichtung unserer Gesellschaft zu suchen sind. Wie in vielen anderen Bereichen haben auch hier Vorstellungen und Konzepte von Naturwissenschaftlern dazu beigetragen, diese Fehlentwicklung zu unterstützen.

Vor allem mit Hilfe der sog. bildgebenden Verfahren ist es nun aber in den letzten Jahren gelungen, bislang kaum vorstellbare Einblicke in die nutzungsabhängige Strukturierung des menschlichen Gehirns zu gewinnen. Dabei wurde deutlich, dass selbst die im erwachsenen Gehirn angelegten synaptischen Verschaltungen und neuronalen Netzwerke in weitaus stärkerem Maß als bisher angenommen formbar und an neue Nutzungsbedingungen anpassbar sind. Der entscheidende Trigger für derartige Umbauprozesse ist die mit der Aktivierung emotionaler Zentren im Gehirn einhergehende Feisetzung von Botenstoffen, die als Regulatoren der Genexpression und als Stimulatoren der Ausschüttung von Wachstumsfaktoren in besonderer Weise zur Bahnung und Stabilisierung der im Verlauf einer solchen emotionalen Aktivierung besonders intensiv benutzten Verschaltungsmuster beitragen („emotionales Gedächtnis“, „strukturelle Verankerung von Erfahrungen“). Zur Aktivierung dieser emotionalen Zentren kommt es immer dann, wenn etwas Aufregendes oder Unerwartetes geschieht (Auftauchen eines neuen Problems, Bewältigung eines bestehenden Problems). Aufgrund der herausragenden Bedeutung sozialer Erfahrungen für die Strukturierung des menschlichen Gehirns („Sozialisation“) lassen sich die für die Verankerung neuer Erfahrungen erforderlichen emotionalen Aktivierungsprozesse am leichtesten durch die Verstärkung oder die Bedrohung Sicherheit-bietender Bindungen auslösen („positive reinforcement learning“, Aktivierung des „Belohnungssystems“ durch Stärkung von Bindungen, „passive avoidance learning“, Aktivierung stress-sensitiver Systeme durch Bedrohung emotionaler Bindungen). Neues Wissen läßt sich also immer dann am besten im Hirn verankern, wenn es der Bewältigung von Problemen dient und wenn es in Kontexten und von Personen vermittelt wird, die emotionale Aktivierungsprozesse in Gang setzen.

Oder – wie es bereits der chinesische Weise Kong Fuzi, von den Jesuiten-Missionaren, später Konfuzius genannt, bereits zweieinhalb Jahrtausende vor den Entdeckungen der modernen Hirnforschung auf den Punkt gebracht hat:

„Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu werden;
erstens durch Nachdenken, das ist das edelste,
zweitens durch Nachahmen, das ist das leichteste,
und drittens durch Erfahrungen, das ist das bitterste“.

5. Neue Erkenntnisse haben (soziale) Folgen....

Die wichtigsten Erkenntnisse der modernen Hirnforschung bestätigen im Grunde nur das, was wir schon immer geahnt, gewusst oder auch befürchtet haben:

1. Das Gehirn ist primär für die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung in unserem Körper verantwortlich
(„Ein gesunder Körper braucht einen gesunden Geist“)

2. Bedroht wird diese innere Ordnung durch Störungen von außen. Die wichtigsten Störungen sind für uns andere Menschen mit ihren Erwartungen, Wünschen, Forderungen und Haltungen. Die daraus erwachsenden Probleme (Bedrohungen unseres inneren, emotionalen Gleichgewichts) lösen wir mit Hilfe unseres Gehirns
(„Der Mensch ist ein soziales Wesen und das menschliche Gehirn ist ein Sozialorgan“)

3. Die Lösungswege, die wir dabei einschlagen, hängen von den bisher gemachten Erfahrungen ab. Die wichtigsten Erfahrungen sammeln wir während der Kindheit. Diese Erfahrungen werden besonders tief in Form neuronaler Verschaltungsmuster im sich entwickelnden Hirn verankert
(„Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nur noch schwer“)

4. Die im Gehirn des Menschen angelegten, das Denken, Fühlen und Handeln bestimmenden Nervenzellverschaltungen können nur durch entsprechende Benutzung aufgebaut, gebahnt und stabilisiert werden. Zu jedem Zeitpunkt ist also die Feinstruktur des Gehirns das bis dahin entstandene Resultat seiner bisherigen Nutzung. Intensive Nutzung führt zur Festigung, Nichtbenutzung zur Verkümmerung neuronaler Verschaltungen
(„use it or loose it“).

5. Umstrukturierungen bisher entstandener Verhaltensmuster sind nur möglich, wenn tieferliegende emotionale Strukturen des Gehirns aktiviert werden
(„Was nicht unter die Haut geht, bewirkt auch nichts“).

Aus diesen Erkenntnissen lassen sich einige Grundregeln für die Benutzung des menschlichen Gehirns ableiten, aber auch die sind nicht neu:

a) Ein Höchstmaß an Achtsamkeit auf der Ebene der Wahrnehmung und bei der Verarbeitung sinnlicher Eindrücke ist die wichtigste Voraussetzung für die häufige Aktivierung und Stabilisierung komplexer Verschaltungsmuster.
b) Das Gleiche erreicht man auf der Ebene der Beantwortung von und Reaktion auf komplexe äußere Geschehnisse und innere Bedürfnisse durch Behutsamkeit.
c) Der größte Bedienungsfehler, den ein Mensch bei der Benutzung seines Gehirns machen kann, ist die Unterdrückung emotionaler Betroffenheit über eigene Fehler und Mängel.
d) Betroffenheit kann nur von jemanden empfunden werden, der zusehen muß, wie etwas Schaden erleidet oder gar zugrunde geht, das ihm am Herzen liegt. Ohne diese emotionale Bindung („Liebe“) gibt es keine Betroffenheit, und ohne Betroffenheit keine Veränderung und Weiterentwicklung.
Nichts anderes sagt neben vielen anderen auch Rolf Kühn (In: Existenz und Selbstaffektion in Therapie und Phänomenologie): Es gehört zu den massivsten Vorurteilen unserer Kultur, Gefühle seien chaotisch und allein die Vernunft – das Allgemeine, die Sprache usw. – würde versöhnen. Neu zu lernen, dass Gefühl und Vernunft, Subjektivität und Objektivität nicht nur zwei verschiedene „Gegenstandsbereiche“ sind, sondern zwei ganz unterschiedliche Erscheinungsweisen urphänomenologischer Natur, gehört sicher noch zu den epochalen Erkenntnisleistungen, die tiefgreifend kulturell zu vollziehen sein werden. Bis daraus eine „Kultur des Gefühls“ entsteht –nicht die eines bestimmten Gefühls: Etwa des Friedens, des „Weiblichen“, der Pluralität usw., sondern die Anerkennung eines jeden Gefühls als Kultur bereits in sich -, bleibt die bescheidene Hoffnung, zumindest schon durch das Gefühl sich wieder zum Geborgensein im Leben leiten zu lassen. Dazu bedarf es keiner Worte, weil das Unsagbare des Lebens als das Unvorstellbare keine andere Sprache als die des Gefühls und Tuns eben besitzt.

So unbequem und folgenreich es auch sein mag, die Erkenntnisse der Hirnforschung zwingen uns, eine Entscheidung zu treffen. Wir können uns entweder dafür entscheiden, auch künftig genau so weiterzumachen, und unsere Gehirne und die unserer Kinder so zu strukturieren, wie es angesichts der Verhältnisse, die wir selbst geschaffen haben, erforderlich zu sein scheint. Wir können andererseits aber auch versuchen, diese Verhältnisse so zu verändern, dass es den Erwachsenen und den in die von diesen Erwachsenen gestaltete Welt hineinwachsenden Kindern besser als bisher gelingt, ihre genetisch angelegten Potenzen zur Ausbildung eines hochkomplexen, zeitlebens lernfähigen Gehirns besser als bisher zu entfalten. Nur eines können wir nicht mehr: Nichts tun und weiter abwarten und hoffen, dass der liebe Gott im Himmel oder die allmächtigen Gene im Zellkern oder die Hirnforscher in ihren Studierstuben dafür sorgen, dass uns der Übergang zum Menschen gelingt.




Sachbücher zum Weiterlesen:

1. G. Hüther, H. Bonney: Neues vom Zappelphilipp. Walter Verlag Düsseldorf, 2002.
2. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Wurzeln, Walter Verlag Düsseldorf, 2001.
3. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder suchen Orientierung, Walter Verlag Düsseldorf, 2002.
4. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Spielräume, Walter Verlag Düsseldorf, 2003.
5. G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001.
6. G. Hüther: Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1997.




Kurzvita:

Prof. Dr. G. Hüther ist Neurobiologe und leitet die Abt. f. Neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Schwerpunkte seiner gegenwärtigen Tätigkeit: Einfluß psychosozialer Faktoren und psychopharmakologischer Behandlungen auf die Hirnentwicklung, Auswirkungen von Angst und Stress und Bedeutung emotionaler Bindungen. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und popularwissenschaftliche Darstellungen (Sachbuchautor). Mitbegründer von Win-future.de (Netzwerk Erziehung und Sozialisation) und Mitorganisator der „Göttinger Kinderkongresse“.


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