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Gerald Hüther,Oh wie schön ist Panama
Geschrieben am 30.07.2003 von S. Ihlenfeldt
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S. Ihl schreibt: "Oh wie schön ist Panama.........
Über die Suche der Hirnforscher nach dem Stoff
oder dem Ort im Hirn, der uns glücklich macht
Gerald Hüther, Psychiatrische Klinik der Universität Göttingen
Die Macht, mit der psychoaktive Substanzen (Psychopharmaka und Drogen) unsere Stimmungen und Gefühle verändern können, ist ein faszinierendes Phänomen. Den Hirnforschern ist es in den letzten Jahren gelungen, das Geheimnis dieser Wirkungen zu lüften: Nervenzellen verwenden chemische Signale (Botenstoffe, Transmitter, Hormone) um miteinander zu kommunizieren. Und psychoaktive Substanzen verändern diese normalerweise ablaufenden „Unterredungen“ so, dass das gesamte, im Hirn ablaufende „Gespräch“ von einzelnen Nervenzellverbänden dominiert und in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Das Ergebnis erlebt man als eine charakteristische Veränderung des affektiven Zustandes, also des Gefühls.
Psychostimulanzien wie Kokain führen (durch Stimulation der Freisetzung von Dopamin) zu übersteigertem Antrieb bis hin zu psychotischen Allmachtsgefühlen, Etaktogene wie Ecstasy bewirken (durch Stimulation der Freisetzung von Serotonin) eine Harmonisierung, Öffnung und rauschartige Glückszustände. Ähnlich, aber wesentlich schwächer ist die Wirkung von Fluctin (Prozac), einem Antidepressivum, das inzwischen 37 Millionen Amerikaner allmorgendlich als „Psychokosmetikum“ einnehmen, um ihren offenbar recht frustrierenden Alltag bei einigermaßen guter Stimmung zu überstehen. Bestimmte Botenstoffe, die normalerweise nur bei besonders gravierenden Ereignissen ausgeschüttet werden (Opiate bei Stress, Oxytocin bei der Geburt und beim Stillen) können – von außen zugeführt – z.T. sehr tiefgreifend unser Verhalten und Empfinden verändern (Opium als Droge, Oxytocin als „Bindungs- oder Liebeshormon“).
Das Bekanntwerden all dieser Wirkungen hat wesentlich zur Verbreitung der sonderbaren Vorstellung beigetragen, unsere Gefühle seien letztlich nur das Ergebnis von Veränderungen unserer „Hirnchemie“. Inzwischen ist die anfängliche Euphorie über die Möglichkeiten der chemischen Manipulierbarkeit von Stimmungen und Gefühlen jedoch bereits weitgehend verflogen. Entweder mußte man feststellen, dass die Drogen mit der Zeit immer mehr an Wirkung verloren, weil sich das Gehirn an die „chemischen Zwischenrufer“ anpasst und deren „Gerede“ zunehmend überhört, oder es traten unerwünschte Nebenwirkungen zutage, die den gewünschten Effekt z.T. erheblich störten (hierzu zählt u.a. der sich ausbreitende Libidoverlust bei Prozac-Konsumenten). Mit Chemie, so die bittere Erkenntnis, ist das Gehirn auf Dauer offenbar nicht in ein beständiges Beglückungsorgan zu verwandeln.
Die Blüte der „Hirnchemiker“ begann endgültig zu verblassen, als es in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Hilfe sogenannter „bildgebender Verfahren“ (Computertomographie) möglich wurde, einem Menschen der musiziert, sich etwas schönes vorstellt, glücklich ist oder Angst hat sozusagen ins Hirn zu schauen. Dabei wurde deutlich, dass bei all diesen Nutzungsarten bestimmte Bereiche des Gehirns besonders aktiv werden: Limbische Regionen wenn Emotionen geweckt werden, die Amygdala (Mandelkern) wenn Angst empfunden wird, der Frontallappen, wenn Handlungen geplant werden etc. Die so erzeugten „Hirnbilder“ mit ihren grellbunten Flecken erweckten nicht nur bei Laien den Eindruck, dass man damit nun endlich auch die Regionen gefunden hätte, die für die Entstehung menschlicher Gefühle wie Lust, Angst, Trauer, Liebe etc. verantwortlich sind.
Doch die Begeisterung über die Entdeckung dieser „Gefühlszentren“ währte ebenfalls nur kurz. All zu schnell wurde deutlich, dass das mit einem bestimmten Gefühl im Gehirn einhergehende „Aktivierungsmuster“ individuell sehr unterschiedlich ausfiel, dass es in hohem Maße durch Vorerfahrungen bestimmt war, und dass es sich durch neue Erfahrungen verändern konnte. Das daraus abgeleitete Konzept der „erfahrungsabhängigen Plastizität neuronaler Verschaltungen“ bildete den Grundstein für eine neue dynamische Betrachtungsweise der Funktion des menschlichen Gehirns: Ein Gefühl wie Freude oder Glück bleibt zwar nach wie vor gebunden an die Freisetzung bestimmter Botenstoffe und die dadurch ausgelöste Aktivierung bestimmter Nervenzellverbindungen und Netzwerke. Aber die komplexen Netzwerke und Verschaltungen, die darüber bestimmen, was wir suchen und wo wir suchen, was uns glücklich macht, werden erst im Lauf unserer Entwicklung in ganz bestimmter und individuell sehr unterschiedlicher Weise angelegt, gefestigt und stabilisiert. Was ein einzelner Menschen also anstrebt, was er zu erreichen sucht, was er als besonderes Glück betrachtet und was in ihm ein Gefühl höchster Freude, eben ein Glücksgefühl auslöst, hängt deshalb ganz entscheidend von den Erfahrungen ab, die dieser Mensch im Lauf seines bisherigen Lebens machen konnte oder aber zu machen gezwungen war. Diese individuellen Erfahrungen bestimmen darüber, ob es jemand als besonderes Glück erlebt, entweder viel oder aber wenig Geld zu besitzen, entweder ein festes oder aber gar kein zu Hause zu haben, entweder jemanden lieben zu dürfen oder von jemanden geliebt zu werden, entweder anderen etwas abgeben zu dürfen oder von anderen etwas geschenkt zu bekommen.
Die wichtigsten Erfahrungen werden bereits während der frühen Kindheit gemacht und als gebahnte Verschaltungsmuster im Gehirn verankert. Sie sind bestimmend für das, was ein Mensch später zu erreichen sucht und was ihn – wenn er das Gewünschte schließlich erreicht hat – so besonders glücklich macht. Was immer das im Einzelfall auch sein mag, in einem Aspekt gleichen sich all unsere Bemühungen: Wir versuchen mit Hilfe unseres Gehirns einen Zustand herbeizuführen, der uns hilft eine irgendwie verloren gegangene innere Balance wiederzufinden, eine irgendwie eingetretene Störung unseres emotionalen Gleichgewichtes zu beseitigen oder auszugleichen. Wir streben also alle danach, einen Zustand innerer Harmonie zwischen den verschiedenen und z.T. sehr unterschiedlichen Aktivitäten der einzelnen regionalen neuronalen Netzwerke und Verarbeitungszentren in unserem Gehirn zu erreichen. Angesichts der vielen, immer wieder auftretenden Störungen dieser inneren Harmonie ist dieses Ziel jedoch nur schwer und bestenfalls für kurze Zeit erreichbar.
Immer wieder müssen wir erleben, wie kurzlebig das Gefühl der Freude und des tiefen Glücks ist, das sich immer dann einstellt, wenn es uns wieder einmal gelungen ist, Einklang mit uns selbst, in uns selbst und mit allen was uns umgibt herzustellen. Allzu schnell wird dieser harmonische Zustand wieder gestört: Durch neue, aufregende Wahrnehmungen, durch von außen geweckte oder von innen entstehende drängende Bedürfnisse und Wünsche, durch nicht erfüllte Erwartungen, durch verletzte Gefühle, durch neue Anforderungen, durch Spannungen und Konflikte mit anderen Menschen. Immer dann, wenn das harmonische Zusammenwirken der vielen regionalen Netzwerke in unserem Gehirn gestört wird, wenn einzelne Bereiche überstark erregt, wenn die dort entstehende Unruhe nicht unter Kontrolle gebracht werden kann und sich in tieferliegende limbische Bereiche auszubreiten beginnt, ist auch das Glücksgefühl rasch zu Ende. Dann macht sich ein Gefühl von Verunsicherung, Angst und Stress breit. Es ist spürbarer Ausdruck der Tatsache, dass wir wieder einmal „aus dem Gleichgewicht“ geraten sind, und dass wir etwas tun müssen, um den Einklang zwischen uns und unserer äußeren Welt, zwischen unserem Denken, Fühlen und Handeln und zwischen dem was wir wollen, und dem was wir können herzustellen. Wir müssen versuchen, das in unserem Gehirn entstandene Durcheinander wieder in geordnete Bahnen zu bringen, die gestörten Verarbeitungsprozesse wieder zu harmonisieren und zu synchronisieren. Gelingt uns das nicht, so macht uns dieses Durcheinander in unserem Gehirn über kurz oder lang krank, entweder psychisch oder körperlich.
Wer irgendwie noch kann, rappelt sich daher immer wieder auf und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Glück. Manche suchen es dort, wo es am leichtesten zu finden ist (und greifen zu Drogen), viele suchen es dort, wo sie es bisher schon immer gefunden haben (und werden von den einmal gefundenen und gebahnten Strategien zur Bewältigung ihrer Ängste immer abhängiger), einige versuchen auch, sich die störende äußere Welt und andere Menschen effektiver vom Leibe zu halten (und werden dabei immer einsamer) und wieder andere versuchen, sich noch besser als bisher an die vorgefundenen Verhältnisse anzupassen (und verlieren sich auf diese Weise zunehmend selbst). Nur wenigen gelingt das Kunststück, sich immer wieder neu auf die immer wieder neuen Herausforderungen einer sich ständig wandelnden Welt einzulassen, diese Welt zu gestalten und sich von dieser Welt gestalten zu lassen. Sie machen den Weg zu ihrem Ziel.
Oh, wie schön ist Panama.............. eine glückliche Reise, aber nur solange man noch unterwegs ist. Am Ziel seiner Wünsche angekommen, hat man leider nichts mehr, worauf man sich freuen kann. Diesem Dilemma, so scheint es, können auch Hirnforscher nicht entgehen.
Literatur zum Weiterlesen:
G. Hüther: Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht, 1997.
G. Hüther: Evolution der Liebe, Vandenhoeck & Ruprecht, 1999.
G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, 2001.
G. Hüther, K. Gebauer: Kinder brauchen Wurzeln, Walter-Verlag, 2001.
G. Hüther, H. Bonney: Neues vom Zappelphilipp, Walter-Verlag 2002.
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Re: Gerald Hüther,Oh wie schön ist Panama (Punkte: 1) von S. Ihl ([email protected]) auf 21.11.2003 (Userinfo | Artikel schicken) | Sehr geehrter Herr Hüter,
mit Interesse habe ich ihren Artikel gelesen, muss aber einige kritische Fragestellungen aufwerfen. So sehe ich z.B. die Behauptung, dass es besser ist auf dem Weg der Suche nach Glück zu sein als kritisch an, so er in Verbindung mit Drogen verwendet wird. Sehen sie dies nun als positiv oder als verdammenswürdig an? Ihr Artikle erscheint mir diese Ausgeburt des Satans, die in unserer heutigen Zeit die rechtschaffenen Menschen verdirbt etwas zu wenig ernst zu nehmen. |
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