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Dr. Karl Gebauer: Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung seiner Kinder
Geschrieben am 17.06.2004 von S. Ihlenfeldt

Eltern Karl Gebauer schreibt:
"Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung seiner Kinder
Interview mit Dr. Karl Gebauer
Die Fragen stellte Sabine Ihlenfeldt, Administratorin von win-future.

Frage: Im Straßenbild sieht man mehr und mehr Väter, die ihr kleines Kind auf dem Arm oder im Tragegurt tragen oder im Kinderwagen schieben. Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter laufen Hand in Hand mit ihrem Vater durch die Straßen. Bei Festen im Kindergarten und in der Schule sind viele Väter anwesend. Hat sich im Verhältnis der Väter zu ihren Kindern etwas geändert?

Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung seiner Kinder
Interview mit Dr. Karl Gebauer
Die Fragen stellte Sabine Ihlenfeldt, Administratorin von win-future.

Frage: Im Straßenbild sieht man mehr und mehr Väter, die ihr kleines Kind auf dem Arm oder im Tragegurt tragen oder im Kinderwagen schieben. Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter laufen Hand in Hand mit ihrem Vater durch die Straßen. Bei Festen im Kindergarten und in der Schule sind viele Väter anwesend. Hat sich im Verhältnis der Väter zu ihren Kindern etwas geändert?

Gebauer: Das Verständnis von Vaterschaft hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Männer wollen mehr Verantwortung übernehmen. Nur ein Drittel von ihnen hat noch die Vorstellung, es käme vor allem darauf an, für den materiellen Unterhalt der Familie zu sorgen.
Zwei Drittel aller Väter wollen sich in umfassender Weise um die Erziehung ihrer Kinder kümmmern. Es hat also ein Wandel in der Einstellung gegenüber dem Vatersein stattgefunden. Das bedeutet nicht, dass das schon in jeder Familie optimal realisiert wird. Eine gelingende Vaterschaft ist von vielen Faktoren abhängig.

Frage: Worin sehen Sie die besonderen Aufgaben eines Vaters für die Entwicklung seiner Kinder?

Gebauer: In den ersten Lebensjahren besteht die Aufgabe eines Vaters vor allem darin, körperliche Nähe und ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Er ergänzt und erweitert die wichtige Mutter-Kind-Beziehung und ist für sein Kind der „bedeutsame Dritte“. Darüber hinaus entlastet er die Mutter des Kindes von der oft permanent erforderlichen Präsenz. Seine Aufgabe in der frühen Kindheit liegt auch darin, der Verschmelzung zwischen Mutter und Kind etwas entgegen zu setzen. Neben der wichtigen – oft aber zu engen - Beziehung zur Mutter kann das Kind eine Zweierbeziehung zum Vater erleben. Entscheidend ist das Beziehungsangebot, das ein Vater seinen Kindern macht. Er sollte mit dazu beitragen, dass sich in der Familie eine Atmosphäre entwickelt, in der sich ein Kind geborgen fühlen kann. Es sollte das Gefühl entwickeln können, dass der Vater Interesse an seiner Entwicklung hat. Das zeigt sich z.B. daran, ob er sich für die Aktivitäten seines Kindes im Kindergarten oder in der Schule interessiert. Grundsätzlich ist es wichtig, dass ein Kind von seinem Vater Anregungen erhält und bei Fragen und Problemen eine Hilfestellung erfährt.

Frage: Tut das nicht auch eine Mutter?
Gebauer: Oft ist das kleine Kind hin- und her gerissen zwischen seinen Wünschen nach Geborgenheit und seinem Streben nach Abgrenzung und Individuation. Der Vater kann als Dritter mit dazu beitragen, dass das dyadische Verhältnis zwischen Mutter und Kind möglich ist und gleichzeitig für das Kind die Chance besteht, sich aus der engen Verbindung zur Mutter zu lösen. Er eröffnet seinem Kind die Chance, bei ihm Halt und Geborgenheit zu erfahren, sich immer wieder zeit- und streckenweise von der Mutter zu entfernen, um dann wieder zu ihr zurückkehren zu können. Der Vater gibt dem Kind so die Möglichkeit, neben der Mutter nicht nur sich selbst, sondern auch noch einen Dritten wahrzunehmen. Und überhaupt kann das Kind bei einem zugewandtenVater erleben, dass dieser sich auch für das Gelingen des Familienlebens interessiert und dafür Verantwortung übernimmt. Es spürt z.B. ob die Beziehung zwischen Vater und Mutter auf der Paarebene lebendig ist.

Frage: Wie sieht es mit konkreten Aufgaben des Vaters aus?

Gebauer: Das Haupterfahrungsfeld für Babys und Kinder ist das Spiel. Im Spiel setzt sich ein Kind durch permanente Gestaltung mit sich und der Welt auseinander. Seine Selbstentwicklung basiert auf unendlich vielen Interaktionserfahrungen mit anderen Menschen in der jeweiligen Umwelt. Ein spieleinfühlfähiger Vater trägt nicht nur zu einer stabilen Bindung und der Erfahrung von Geborgenheit bei, er gibt seinem Kind über vielfältige Anregungen die Möglichkeit, die damit verbunden Erfahrungen in inneren Bildern, Geschichten und Erzählungen anzulegen und zu speichern. Somit trägt er entscheidend zur kognitiven Entwicklung bei, denn unser Gehirn enthält nicht Erinnerungen an einzelne Objekte, sondern an die emotionale Einbettung dieser Objekte in eine als bedeutsam erlebte Situation. Es sind die Szenen, die Erzählungen, die persönlichen Erlebnisse, die als erste Repräsentanzen so etwa wie eine Grund-Matrix ausbilden, auf der sich später abstrakte Gedanken und Erinnerungen abbilden.

Frage: Welche Rolle spielt der Vater hinsichtlich der sexuellen Identitätsentwicklung seiner Kinder?

Gebauer: Bereits während der frühen Beziehungen zu Vater und Mutter liegen die Anfänge der sexuellen Identitätsbildung. Vater und Mutter können von dem Kind in ihrem Anderssein, in ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit erfahren werden. Die Erfahrung beider Modi scheint unabdingbar für die psychische Entwicklung zu sein. So wichtig eine sichere Bindung zwischen Mutter und Sohn ist, so muss dieser sich im Verlauf seiner Entwicklung vom realen Geschlecht der Mutter entidentifizieren. Der kleine Junge hat bei einem zugewandten Vater, schon früh ein leibhaftiges männliches Vorbild hinsichtlich seiner Geschlechtsidentität. Der Erkenntnisprozess, nicht so zu sein wie die Mutter und der damit verbundene Schmerz, kann gemildert werden, wenn der Junge von Anfang an körperliche und emotionale Erlebnisse mit seinem Vater hat. Es ist nicht Aufgabe des Vaters zweite Mutter zu sein.

Frage: Welche Bedeutung hat der Vater, wenn die Kinder älter werden?

Während der Phase der Pubertät werden vor allem die bisherigen Erfahrungen mit der sexuellen Identitätsbildung aktuell. Die neuen Herausforderungen, die nun an Jungen und Mädchen gestellt werden, können u.a. dann besser angenommen und bewältigt werden, wenn es positive verinnerlichte Erfahrungen über das Mann- und Frausein, wie sie es bei Vater und Mutter erlebt haben, gibt. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, ob ein Vater der sexuellen Entwicklung seiner Kinder positiv gegenüber steht. Eine Tochter sollte das Gefühl entwickeln können, vom Vater in ihrer Weiblichkeit anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Dies gilt für die Entwicklung der Männlichkeit des Sohnes ebenso. Manchmal kann während dieser Phase ein Kompliment zur Kleidung oder zum Aussehen der Jugendlichen wahre Wunder bewirken. Leider fällt es vielen Vätern schwer, diese Übergangsphase ihrer Kinder positiv zu begleiten. Ein bewundernder Blick des Vaters kann sehr zum Selbstbewusstsein beitragen. Das bedeutet nicht, dass auf kritische Auseinandersetzung in dieser Phase verzichtet werden müsste. Viele Väter haben während dieser Phase Schwierigkeiten, deren Ursache sie manchmal nicht wahrnehmen, über die sie jedenfalls nicht gerne sprechen. Das Thema heißt „Abschied nehmen“ von der Kindheit des Kindes. Dieser Abschied ist auch mit Trauer verbunden. Die muss man zulassen können. Mütter haben im Zusammenhang mit der Entwicklung ihrer Kinder oft wesentlich mehr Trauererfahrung hinter sich als Väter.





Frage: Wie meinen Sie das?

Gebauer: Bei allem Bemühen der Väter um eine zugewandte Vaterschaft sind die beruflichen Bedingungen in den meisten Fällen so, dass Väter stärker in ihre berufliche Tätigkeit eingebunden sind oder sich dort stärker „einnisten“. Sie erleben dann oft nicht hautnah mit, wie sich der Abschied aus der Kindergartenzeit, später aus der Grundschule anfühlt. Väter, die sich nicht sehr um die Belange ihrer Kinder gekümmert haben, stehen dann der Adoleszenz ihrer Kinder recht unsicher gegenüber. Da ist etwas vergangen, was nicht wiederholbar ist. Wird dieses Gefühl nicht zugelassen und nicht bearbeitet, dann kann diese innere Unklarheit mit dazu beitragen, dass die Ablösungsprozesse heftiger verlaufen, als dies normalerweise der Fall ist.

Frage: Kann man davon ausgehen, dass sich viele Väter den Auseinandersetzungen während der Pubertät nicht stellen?

Gebauer: Dafür gibt es Hinweise. Die Situation des Vaters ist während dieser Phase nicht einfach. Ich möchte den inneren Prozess skizzieren: Die einst idealisierten Seiten des Vaters werden im Verlauf der Adoleszenz zunehmend durch die Erfahrung mit dem realen Vater infrage gestellt. Es sind jene positiven Erfahrungen, die dem Heranwachsenden bisher eine innere Orientierung boten. Auch das eigene Selbst wird zunehmend realistisch wahrgenommen. Es werden sowohl beim Vater als auch beim Jugendlichen die Stärken und Schwächen sichtbar und wahrnehmbar. Die Ent-Idealisierung vom Vater wird oft auch mit einer abrupten Zerstörung eines inneren Bildes verglichen. Damit sind in der Regel Ängste verbunden. Der zuvor als stark und mächtig erlebte Vater kann am Ende dieses Prozesses seine Tochter/ seinen Sohn nicht mehr „schützen“. Der Weg in die Berufswelt ist z.B. in der heutigen Zeit für viele Jugendliche durch Unsicherheit gekennzeichnet. Ein Vater kann in dieser gesellschaftlich bedingten Situation nur begrenzt helfen. Aber die wesentlichen Auseinandersetzungen während dieser Phase drehen sich um das Selbstständig-Werden. In diesem Zusammenhang kommt der Mutter eine große Bedeutung zu. Innerhalb des oft sehr heftig verlaufenden Prozesses einer Entwertung des Vaters kann sie eine vermittelnde Funktion bei der psychischen Wiederherstellung eines positiven Vaterbildes einnehmen.

Frage: Gibt es nicht zwischen Müttern und ihren heranwachsenden Kindern ebenfalls Probleme?

Die Mutter versteht in der Regel die Jugendlichen besser, ist vertrauliche Gesprächspartnerin, liebevoller, auch körperlich näher, aber auch konfliktreicher für beide Jugendliche. Besonders bei der Tochter ist sie in alle Alltagsbelange involviert.
Innerhalb des Entwicklungsprozesses während der Adoleszenz geht es einerseits um eine Art Regression, eine Sehnsucht nach der Sicherheit in der Kindheit, verbunden mit einer Idealisierung der Eltern und andererseits um ein in die Zukunft gerichtetes Streben nach Unabhängigkeit. Beide Strebungen kommen sich gelegentlich in die Quere. Oft stellt sich bei den Jugendlichen in einem späteren Alter Scham darüber ein, dass sie während dieser Jahre etwas verächtlich auf Vater und Mutter herab geblickt haben. Gelingt die Lösung aus der festen Bindung zu den Eltern, dann stellt sich nach und nach eine erwachsene Eltern-Kind-Beziehung ein. Während dieser Phase ist es sehr hilfreich, wenn die Kommunikation auf der Elternebene gelingt, wenn es also möglich ist, sich über die vielen Unsicherheiten, in die auch Eltern geraten, auszutauschen.



Frage: Welche Bedeutung hat die Beziehungsqualität auf der Mann-Frau-Ebene für die Entwicklung der Kinder?

Gebauer: Damit ein Vater seine vielfältigen Aufgaben erfüllen kann, ist eine Akzeptanz seiner Rolle durch seine Frau von großer Bedeutung. Er wird seine Vaterrolle dann besonders gut ausfüllen können, wenn er von seiner Frau nicht nur als Partner, sondern auch als Vater des gemeinsamen Kindes akzeptiert und anerkannt wird. In der Umkehrung wird die Mutter ihr Kind eher freigeben können, wenn sie von ihrem Mann als Partnerin akzeptiert und als Mutter des Kindes geschätzt wird. Wenn Vater, Mutter und Kind positiv aufeinander bezogen sind, kann man von einem gelungenen Triangulierungsprozess sprechen. Damit ist eine dynamische Dreierbeziehung, bei der es zwischen Vater/Mutter/Kind je spezifische Beziehungen gibt, gemeint. Auch wenn diese Prozesse in der heutigen Zeit in vielen Familien nicht oder nur begrenzt gelingen, ist dies kein Grund, sie als unwichtig anzusehen.

Frage: Welche Auswirkungen oder Störungen können sich aus dem Fehlen einer Vaterbeziehung im späteren Leben ergeben?

Gebauer: Steht kein Vater als nahe Person zur Verfügung, so kann dies den unbedingt erforderlichen Ablösungsprozess des Sohnes von der Mutter erschweren. Grundlage für das spätere Vatersein ist die Entwicklung einer männlichen Identität. Diese ist nur möglich über Erfahrungen mit männlichen Vorbildern. Vor diesem Hintergrund kommt den Ersatzobjekten für einen Vater eine besondere Bedeutung zu.
Scheitert dieser Versuch, dann kann der Sohn ein Leben lang auf die enge Beziehung zur Mutter fixiert bleiben und sich auf eine unendliche Reise der Sehnsucht nach dem Vater begeben. Bleibt es bei einer Orientierung an der Weiblichkeit, kann eine Abgrenzung nicht gelingen. Die Ausbildung einer männlichen und später auch einer väterlichen Identität wird erschwert oder verhindert.
Lehnt die Mutter ihren Partner/Ehemann als Vater für ihr Kind ab, dann erschwert sie ebenfalls den Aufbau der männlichen Identität ihres Sohnes. Der Vater erscheint als blasser Repräsentant des Männlichen und wird oft auch so verinnerlicht. Eine Identifikation mit einem Vater, der über bestimmte Zeiträume abwesend ist, ist dann möglich, wenn sein Bild in der Vorstellung der Mutter positiv besetzt ist.

Frage: Was heißt das für Mädchen

Auch für die Identitätsbildung des Mädchens ist es wichtig, dass sie sich der Phase der Ablösung von der Mutter vergewissern kann, dass der Vater als haltgebende Person noch zur Verfügung steht. Wichtig ist dabei, ob der Vater in seinem Inneren die sexuelle Identitätsentwicklung seiner Tochter zu einer erwachsenen Frau positiv erleben kann.

Frage: Wie wichtig ist die Präsenz des Vaters?

Nicht selten kommt es vor, dass der Vater anwesend aber emotional abwesend ist. Ein solcher Vater kann den Entwicklungsprozess seiner Kinder enorm beeinträchtigen. Er kann vor allem die Identitätsentwicklung seines Sohnes erschweren. Es mangelt an der Erfahrung von Nähe und Geborgenheit; sichere emotionale Bindungen können nicht entwickelt werden, positive dyadische und triadische Grunderfahrungen entfallen. Eine Identifizierung mit dem Vater erscheint nicht erstrebenswert, somit entfällt die Chance einer Idealisierung des Vaters. Eine innere Orientierung in schwierigen Situationen an einem verlässlichen Vaterbild ist nicht möglich. In einer solchen Situation ist es auch schwer, Erfahrungen für eine positive sexuelle Identitätsentwicklung zu sammeln. Der Vater entfällt auch als Helfer beim Umgang mit Gefühlen. Oft richten sich die Aggressionen über Projektion und Inszenierung nach außen, weil der Aufbau eines inneren psychischen Raumes, in dem die unterschiedlichen Gefühle bearbeitet werden können, wegen Unfähigkeit oder Desinteresse aufseiten des Vaters nicht errichtet werden konnte.

Frage: Welche Rolle spielt Gewalt in de Familie?

Gebauer: Gewalterfahrungen haben eine sehr nachteilige Auswirkung auf alle Bereiche der Entwicklung eines Kindes. Väter sollten alles daran setzen, ohne Gewalt in der Erziehung auszukommen. Vor allem aber kommt es darauf an, dass sie emotional für ihre Kinder präsent sind. Damit ein Kind die vielen unterschiedlichen Konfliktsituationen, in die es im Kindergarten und in der Schule gerät, gut überstehen und bearbeiten kann, braucht es Erfahrungen über den erfolgreichen Umgang mit Konflikten. Dieses wichtige Lernfeld wird oft von den Eltern nicht gesehen. Wenn der Vater hier versagt, dann kann sich bei den Kindern auch eine Enttäuschungsaggression entwickeln, die sich dann gegen schwächere Personen richtet.

Frage: Kann in solchen Fällen ein Kind froh sein, den Vater hinter sich zu lassen?

Gebauer: Während der Adoleszenz gelingt von einem solchen Vater auch nur schwer der dann erforderliche Ablösungsprozess. Wo keine Idealisierung entstanden ist, kann auch keine Entidealisierung erfolgen. Es bleibt eine Leerstelle, die aber gefüllt werden muss, wenn z.B. männliche und später väterliche Identität entwickelt werden sollen.



Frage: Können Väter ihre Kinder krank machen?

Es gibt nur wenige Studien über die Bedeutung der Väter bei psychischen Störungen ihrer Kinder. Aggression und antisoziales Verhalten (externale Störungen) haben eher mit der Beziehung zum Vater zu tun. Während internalisierende Störungen wie Depression und Ängstlichkeit stärker mit der Beziehung zur Mutter zusammen hängen. Schließlich haben Studien belegt, dass Kinder von alkohol- und drogenabhängigen und depressiven Vätern ein höheres Risiko tragen, selbst zu erkranken. Einige Studien belegen, dass es prognostisch günstig für den Therapieerfolg war, wenn die Beziehung zum Vater gut war.

Frage: Ist die Bedeutung des Vaters größer als man bisher angenommen hat?

Gebauer: Die positive Bedeutung des Vaters für die Entwicklung seiner Kinder ergibt sich nicht aus der Quantität seiner Anwesenheit, sondern aus der Qualität seines Interesses. Eine zugewandte väterliche Haltung wird sichtbar im Interesse für die Entwicklung des Kindes, in der Anerkennung seiner Bedürfnisse, in emotionaler Achtsamkeit gegenüber seinen Wünschen, und in Anregungen für seine körperliche, emotionale, soziale und kognitive Entwicklung.
Wichtig sind vor allem die emotionalen Fähigkeiten eines Vaters. Der „moderne Vater“ zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass er sich in die Wünsche und Bedürfnisse der anderen familiären Mitglieder einfühlen und diese auch in seinem Handeln berücksichtigen kann. Er sollte also über Kommunikationsfähigkeit verfügen. Die Ehe- oder Partnerzufriedenheit nimmt bei der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein sollten, damit ein Vater seine Aufgaben besonders gut erfüllen kann, einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert ein.

Frage: Sie haben gerade ein Buch über die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung seiner Kinder geschrieben. Können Sie das wichtigste Ergebnis in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Gebauer: Ich habe Väter interviewt und sie nach ihren eigenen Vatererfahrungen gefragt. Dabei ist in allen Gesprächen die große Sehnsucht deutlich geworden, die diese Väter als Söhne ihren Vätern gegenüber hatten. Aus vielen Geschichten spricht eine große Enttäuschung und Trauer. Als Söhne haben sich die befragten Väter nach einem Vater gesehnt, der Interesse hat. Oft haben sie vergeblich auf ein aufmunterndes Wort der Anerkennung gewartet. Ein wichtiges Ergebnis meiner Interviews sehe ich darin, dass es den meisten der von mir befragten Vätern gelungen ist, selbst eine positive Vaterschaft aufzubauen. Hilfreich waren andere Männer, Freunde und in vielen Fällen war es auch die Unterstützung , die sie durch ihre Frauen erhalten haben. Entscheidender Augenblick für eine beginnende emotionale Vaterschaft war die Geburt des Kindes, die ja in der heutigen Zeit von fast allen Vätern bewusst miterlebt wird.

Frage: Ein Großteil der Kinder wird heute vaterlos und in der frühen Kindheit weitgehend von Frauen erzogen. Was kann eine allein erziehende Mutter tun, um ihren Kindern eine positive Auseinandersetzung mit dem „Männlichen“ zu ermöglichen?

Gebauer: Nach den neusten statistischen Untersuchungen leben 21% der Kinder und Jugendlichen bei einem Elternteil. In der Mehrzahl der Fälle ist es die Mutter. Das heißt, dass die meisten Kinder und Jugendlichen in einem familiären System leben, in dem auch ein Mann – in den meisten Fällen ist es der Vater - anwesend ist. Dennoch müssen sehr viele Kinder ohne Vater auskommen.
Entscheidend ist in diesen Fällen, ob eine allein erziehende Mutter in ihrem Inneren einen Platz für das „Männliche“ bewahrt, d.h., ob sie innerlich den Wunsch und die Bereitschaft hat, auch um der Entwicklung ihrer Kinder zuliebe, einen Platz für einen Mann als „bedeutsamen Dritten“ einzuräumen. Das kann dann konkret ihr Partner, der Großvater, ein Onkel oder eine andere männliche Person aus dem vertrauten Umfeld sein.
In diesen Zusammenhang gehört die Erkenntnis, dass die Gesellschaft, die Bedeutung des „väterlichen Prinzips“ für die Entwicklung der Kinder nicht erkannt hat oder nicht beachtet. Würde z.B. die politisch verantwortlichen Personen die Bedeutung des „Männlichen“ für die Entwicklung der Kinder ernst nehmen, dann hätten wir in den Kindergärten und Grundschulen nicht überwiegend Frauen, sondern vielleicht zur Hälfte Männer. Diese sollten sich allerdings ihres Mannseins bewusst sein und mit Interesse und Engagement ihre Tätigkeit als Erzieher oder Grundschullehrer ausüben. Gerade während der Grundschulzeit wenden sich Jungen von der Nähe zur Mutter ab und suchen die Orientierung an einem männlichen Vorbild. Dieses finden sie in der Schule in der Regel nicht oder nur in wenigen Fällen.

Herr Gebauer, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Literaturhinweis: Karl Gebauer: Väter gesucht. 16 Exemplarische Geschichten, Walter Verlag, Düsseldorf

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