Win-Future: Göttinger Aufruf
Geschrieben am 28.08.2003 von S. Ihlenfeldt
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S. Ihl schreibt: " PISA und die Folgen
Rund 900 Pädagogen, Psychiater und Mediziner haben bereits im November 2000 Alarm geschlagen und in einem "Göttinger Aufruf" bessere Lebens- und Erziehungsbedingungen für Kinder gefordert.
Göttinger Aufruf
zur Schaffung von Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche, die ihnen die Entwicklung zu eigenständigen und sozial verantwortlichen Persönlichkeiten ermöglichen
Es ist für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern förderlich, wenn sie unter Bedingungen aufwachsen, die es ihnen ermöglichen:
Sich selbst zu entdecken und sich selbst zu verwirklichen;
Verantwortung zu übernehmen und den Nutzen von Disziplin zu erfahren;
Selbstbewußtsein zu entwickeln und Einsatzbereitschaft zeigen zu dürfen;
Aufrichtig zu leben, beschieden zu sein und sich in harter Arbeit erproben zu dürfen;
Eigenen Initiativen zu folgen, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und sich der Welt, in der sie aufwachsen, zugehörig zu fühlen;
Entschlußkraft zu entwickeln, die dazu notwendige Umsicht und Anpaßungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und sich schwierigen Aufgaben mit Aufmerksamkeit zu widmen;
Sich und andere Menschen zu begeistern und mit kreativem Weitblick zu überraschen
Scharfsinnig denken zu lernen, ihre Zeit bewußt einzuteilen und Rechenschaft abzulegen;
Den Sinn in ihrer Arbeit zu erkennen und Entschlüsse fassen zu können;
Werte zu achten und den "common sense" zu verstehen;
Ein Gespür für Sprache, Musik, Naturwissenschaften, Kunst und Geschichte entfalten zu können;
sich in ihrer Körperkraft messen und ihre geistige Wachheit trainieren zu können;
ihrer Lust nach Abenteuern nachgeben und nachgehen zu dürfen;
sich in Zusammenarbeit zu üben und sich auf ihr Selbst verlassen zu können;
Die bundesdeutsche Wirklichkeit:
(...)
Die Pisa-Studie hatte offenbart, dass Deutschland in der Summe der Bildungsinvestitionen im OECD-Durchschnitt rangiert, diese aber in hohem Maße ungleichmäßig verteilt sind: Am schlechtesten ist dem Bericht zufolge die Ausstattung der Grundschulen. Geradezu üppig wird hingegen die Oberstufe finanziert. "Das ist nicht vernünftig", sagt Schleicher. "Erst richtet man durch die Unterfinanzierung Schaden an, den man später mit deutlichem Mehraufwand wieder beheben muss." Pisa hatte gezeigt, dass die Deutschen ihre Leistungsdefizite zum Großteil schon in der Grundschule akkumulieren und es nicht gelingt, diese Rückstände wieder aufzuholen.
(...)
(DIE WELT 20.12.01)
(...) Als Studienrätin an einer Hamburger Sonderschule und Mitarbeiterin einer Elternschule bin ich täglich mit dem wachsenden Problem unkonzentrierter, verhaltensauffälliger, aggressiver Kinder konfrontiert, deren Bildungsstand in der ersten Klasse 2 bis 3 Jahre hinter dem vieler gleichaltriger Kinder zurückliegt. Dieser negative Start setzt sich oft fort. Heute haben allgemein 10 bis 12 Prozent der Jugendlichen keinen Schulabschluss. Der Kreislauf von Versagen, Sozialhilfe, Straffälligkeit und Drogen ist damit meist vorprogrammiert. Dies zu reduzieren und Bildungschancen früher anzubahnen ist nicht allein die Verantwortung von Lehrern. Denn Lernen beginnt früher. Der Sachverständigenrat Bildung betont in seiner Studie 2001: "Kinder bringen persönliche Eigenschaften mit und sind durch ihren häuslichen, besonders familiären Kontext in ihrer Bildungs- und Entwicklungsfähigkeit bereits geprägt." 60 Prozent aller Kindergartenkinder weisen erhebliche psychische Störungen auf, so der Bund der Deutschen Kinderärzte, wobei Aggressivität und Hyperaktivität an vorderster Stelle stehen, die gerade das Üben und Lernen in der Grundschule erheblich beeinträchtigen.
(...)
Helga Thomsen, Sonderschullehrerin Hamburg
(aus: FRANKFURTER RUNDSCHAU 20.12.01, Leserbriefe)
(...) geht aus den Pisa-Schülerbefragungen hervor, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jetzt in Paris veröffentlichte. (...)
Auf die Frage "Wie oft reden deine Eltern mit dir über deine schulischen Leistungen?" ergaben die Schülerantworten, dass nur etwas mehr als 40 Prozent der deutschen Eltern regelmäßig mit ihren Kindern über die schulischen Leistungen reden. In den Niederlanden sind dies dagegen gut 60 Prozent, in Italien sogar über 80 Prozent (OECD-Durchschnitt: 51,2). Allerdings sagten nur 1,7 Prozent der deutschen Jugendlichen, dass dies so gut wie nie vorkomme.
Eltern in Deutschland nehmen sich auch vergleichsweise selten Zeit, allein mit ihrem Kind persönliche Gespräche zu führen. Dabei scheint mit 86 Prozent in Italien die Familienkommunikation am lebhaftesten zu sein. Auch in den Niederlanden (69,5 Prozent) und in Großbritannien (61,7) werden solche Gespräche häufig geführt. In Deutschland bescheinigen dies dagegen nur 41,2 Prozent der 15-Jährigen ihren Eltern.
Deutlich seltener sind Familiendiskussionen über Bücher, Filme und Fernsehsendungen. Während mehr als jeder dritte Elternteil in Japan, Großbritannien oder Italien "mehrmals in der Woche" Gelegenheit findet, mit dem Schüler über Bücher, Filme und Fernsehen zu reden, sind dies in Deutschland nur 16,2 Prozent der Eltern. Auch die Angabe "mehrmals im Monat" fand nur bei knapp 27 Prozent Zustimmung.
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(TAGESSPIEGEL BERLIN 18.12.01)
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Die Globalisierung und der Euro, die Lagune und das Ego
Von einem Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger in Venedig (...)
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"Bob Mundell gilt als geistiger Vater des Euro, obwohl die Währungsunion kein einziges seiner Kriterien für optimale Währungsräume erfüllt", spottete Friedman. Das sei wahr, erwiderte der Angesprochene, aber dennoch sei der Euro gutzuheißen - wegen der Skalenerträge einer gemeinsamen Währung. Die Mobilität des Produktionsfaktors Arbeit (der Menschen, Anm. HBF), wesentliches Kriterium für optimale Währungsräume, sei in der Tat alles andere als perfekt. Damit verband wiederum Solow die - seinem versöhnlichen Naturell entsprechende - Hoffnung, daß die Regierungen der Teilnehmerländer durch die Macht des Faktischen angeleitet würden, die Probleme auf den heimischen Arbeitsmärkten sachgerechter anzugehen. (...)
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2001, Nr. 296 / Seite 16)
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Gesellschaften, in denen das konkurrenzorientierte Handlungsprinzip alle anderen Prinzipien in den Hintergrund drängt, indem die positive Seite des Konkurrenzprinzips — nämlich das Konkurrieren im Wettbewerb um eine optimale Kooperation bei der Verwirklichung gemeinsamer Ziele — nicht mehr als wesentlich betrachtet wird, nehmen es nicht nur hin, sondern sie fördern es, daß die Gesetze der Arbeitswelt die übrigen Lebensbereiche dominieren. Die Überordnung des Ziels der Maximierung des Wohlstands über alle anderen Zwecke, dem sich in unserer Demokratie alle politischen Parteien verpflichtet haben, bedeutet, daß das Ziel der maximalen Produktivitätssteigerung mit dem Mittel der permanenten Umstrukturierung der Volkswirtschaft innerhalb des marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmens Vorrang hat, wobei die sich daraus ergebenden Folgen für die Entwicklung der Familien in Kauf genommen werden. Die sich aus der fortwährenden Umstrukturierung ergebende Dynamik wirkt sich auf den Arbeitsmärkten in ständigen Arbeitsplatzumbesetzungen aus. So wird z.B. in Deutschland pro Jahr jeder vierte Arbeitsplatz durch zwischenbetriebliche Arbeitsplatzwechsel neu besetzt. Bei der millionenfachen neuen Zuordnung von Arbeitskräften zu Arbeitsplätzen, die in der Hochkonjunktur stets besonders intensiv ist, verlangt das konkurrenzorientierte Handlungsprinzip, das auch mit dem rhetorisch angenehmeren Begriff als "Wettbewerbs-prinzip" bezeichnet wird, von den Arbeitskräften biographische Anpassungsleistungen in Form von Tätigkeitswechseln, Ortswechseln und Berufswechseln, die oft nur erbracht werden können, wenn geplante Partnerbindungen, Eheschließungen und Kindgeburten aufgeschoben oder die entsprechenden Lebensziele gar nicht erst angestrebt werden. Die wirtschaftlichen Tugenden der Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Mobilität, auf denen unser wirtschaftlicher Wohlstand beruht, stehen den für die Gründung von Familien wichtigen Tugenden und den Zielen der biographischen Planungssicherheit und Voraussicht diametral entgegen, weil sie langfristige Bindung an Menschen erschweren und die Übernahme einer meist lebenslangen Verantwortung für den Lebenspartner und für Kinder oft ganz ausschließen.
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(aus: Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa. Von Herwig Birg, C.H.Beck Erscheinungsdatum: 2001)
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