Gerald Huether: Gerald Hüther: Neues vom Zappelphilipp: Brille auf, Brille ab
Geschrieben am 12.11.2003 von S. Ihlenfeldt
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Anonymous schreibt: "Neues vom Zappelphilipp: Brille auf, Brille ab
Wer Gegensätze liebt und aushält, sollte sich beide neuen Bücher zur kindlichen Hyperaktivität auf seinen Nachtschrank legen und abwechselnd darin lesen. Das große ADHS-Handbuch hat der englische Experte Russel A. Barkley vorgelegt. Es gehört unter das Kopfkissen all jener, die schon immer davon überzeugt waren - oder sich gern davon überzeugen lassen - dass ADHS eine klar umschriebene, eindeutig diagnostizierbare, genetisch bedingte, und deshalb nur medikamentös behandelbare Erkrankung darstellt.
„Es geht heute nicht mehr darum Schuldige zu finden - ADHS ist primär genetisch bedingt und kann medikamentös beeinflusst werden!“, verkündet bereits ein Hinweis auf dem Titelbild. „Na also“, denkt sich der geneigte Leser „endlich bringt einer Klarheit in diese verworrene ADHS- und Ritalindebatte“, blättert noch ein wenig in dem sehr übersichtlich aufgebauten und verständlich geschriebenen Leitfaden herum, freut sich über klare Handlungsanweisungen und Fallbeispiele - und schläft zufrieden ein.
Als Kernproblem der Zappelkinder nennt Barkley einen behandlungsbedürftigen Mangel an Selbstbeherrschung. Aber obwohl dieser eklatante Mangel an Selbstbeherrschung nach Barkley primär genetisch bedingt sein soll und daher durch Erziehungsmaßnahmen eigentlich nicht zu ändern ist, erteilt er dennoch seitenweise Ratschläge, was Eltern und Lehrer tun sollten, um dieses Defizit zu überwinden. Wenn all das nichts hilft, wäre da noch die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung. Diese beschreibt Barkley erstaunlich kurz und knapp, aber didaktisch wohl bedacht genau dort, wo man sie sich am besten merken kann, am Schluss.
Für den nächsten Abend bietet sich das Kontrastprogramm Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit dreier Professoren an. Der Sozialmediziner Hartmut Amft und die beiden Heilpädagogen Manfred Gerspach und Dieter Mattner wollen „das Thema und Problem als genuin pädagogisches wieder in den Mittelpunkt stellen“. Sie bemängeln: „ADS wird heute immer noch völlig undifferenziert als Krankheit bezeichnet, die es medikamentös zu behandeln gilt“. Ihr Buch ist höchstens halb so dick, aber doppelt so schwer zu verdauen wie die leichte Kost des Vorabends, denn hier wird dem Leser keine Brille aufgesetzt, sondern eine abgenommen. Dieter Mattner macht in seinem Beitrag über die Biologisierung abweichenden kindlichen Verhaltens deutlich, auf welche Weise ein Krankheitsbild wie ADHS von Medizinern geschaffen und - nicht zuletzt durch soche Handbücher wie das von Barkley - im öffentlichen Bewusstsein verankert werden kann. Hartmut Amft zeigt, dass es durchaus möglich ist, das Zappelphilippsyndrom aus medizinischer Sicht zu betrachten, ohne ein klar umschriebenes und nur medizinisch behandelbares Krankheitsbild daraus zu machen. Dieses Kapitel ist gewissermaßen die Antithese zu Barkleys Handbuch. Es endet daher auch nicht mit dem Hinweis auf medikamentöse Behandlungen, sondern mit der sehr berechtigten Frage, ob Hyperaktivität bei Kindern unter Umständen nichts weiter ist, als das Symptom einer kranken Gesellschaft. Was Eltern und Lehrer für solche problemanzeigenden Kinder tun können, fasst Manfred Gerspach in seinem Beitrag mit einem Satz zusammen: Die Kinder verstehen lernen, und die Welt verändern, in die diese Kinder hineinwachsen und in der sie sich zurechtfinden müssen. Und spätestens jetzt wird auch deutlich, worin sich diese beiden Bücher über ein und dasselbe Thema so grundsätzlich unterschieden: Das erste ist mit kaltem Sachverstand für ratsuchende Eltern, das zweite mit besorgter Nachdenklichkeit über die gesellschaftlichen Verhältnisse geschrieben, die gestörte Kinder und ratsuchende Eltern hervorbringen.
Rasch einschlafen wird man nach dieser Lektüre wohl nicht können, aber bisweilen ist es ja auch ganz heilsam, wenn man auf Gedanken stößt, die zum Weiterdenken zwingen.
Gerald Hüther
Der Autor ist Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen. Sachbücher: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Vandenhoeck & Ruprecht 2001, Zusammen mit Helmut Bonney Neues vom Zappelphilipp. ADS: verstehen, vorbeugen, behandeln. Walter-Verlag 2002.
Russel A. Barkley: Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Verantwortung übernehmen für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität. Huber, Bern 2002, .....S., €.........
Hartmut Amft, Manfred Gerspach, Dieter Mattner: Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit. ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie. Kohlhammer, Stuttgart 2002, .....S., €.........
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