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Gerald Huether: Im Gespräch: Gerald Hüther/ Hirnforschung: Wenn der Schweiß ausbricht
Geschrieben am 11.01.2004 von S. Ihlenfeldt

S. Ihl schreibt:
"Das Gehirn braucht Herausforderungen, also Stress, um nicht zu erstarren -
zwischendurch aber auch mal Ruhephasen
VON MONIKA GOETSCH

Stress macht krank. Aber nur, wenn er zu lange anhält. Denn eigentlich ist Stress lebenswichtig, sagt der Göttinger Hirnforscher
Herr Professor Hüther: Wann waren Sie persönlich zuletzt richtig gestresst?





Gerald Hüther: Bei der Geburt unserer Tochter vor sieben Jahren. Das Geschehen nahm seinen Lauf, ich stand hilflos daneben und war darauf angewiesen, einen guten Glauben zu haben.

Was ist da in Ihrem Gehirn passiert?

Hüther: Das, was immer passiert, wenn man mit wirklich Neuem konfrontiert wird. Die Hirnrinde, also der Ort, an dem alle eintreffenden und abgespeicherten Informationen zusammenlaufen, wird aktiviert. Die Suche nach einer Information, die hilft, mit der neuen Situation fertig zu werden, beginnt. Findet man nichts, entsteht eine Unordnung, die sich als unspezifische Erregung fortsetzt und über kurz oder lang ein Gebiet im Hirnstamm erreicht.
Dort sitzt eine Zellgruppe, das noradrenerge System. Werden diese Zellen erregt, hilft der ausgeschüttete Botenstoff Noradrenalin der Hirnrinde, die richtige Lösung zu finden. Meist filtert sich so aus all dem, was abgespeichert ist, doch eine richtige Antwort heraus.

Und wie erleben wir diese Stressreaktion?

Hüther: Mit dem zentralen noradrenergen Nervensystem wird auch das periphere noradrenerge Nervensystem angeworfen. Der Puls geht in die Höhe, wir bekommen Herzrasen, der Schweiß bricht aus und die Haare stehen zu Berge. Das sind die Stresssymptome, die jeder kennt.

»Stress hilft, mit neuen Situationen und Problemen fertig zu werden«
Wenn die Aktivierung dieser Systeme zu einer Lösung führen kann, ist Stress ja etwas Positives. Warum hat Stress dann einen so schlechten Ruf?

Hüther: Weil die herkömmliche Stressforschung krankheitsorientiert ist. Ihr Pionier, der kanadische Arzt Hans Selye, hatte vor allem eine wichtige Beobachtung gemacht: dass Versuchstiere krank werden, wenn man sie in ausweglose Situationen treibt. Seither geht man davon aus, dass Stress krank macht. Herzkreislaufbeschwerden, Störungen der körpereigenen Abwehr und der Nierenfunktion und vieles mehr können tatsächlich Stressfolgen sein. Aber die eigentliche Funktion der Stressreaktion ist das nicht. Wir haben sie, damit Gehirnprozesse in Gang kommen, die helfen, unser Verhalten besser an die Erfordernisse der Welt anzupassen.

So wie Fieber Abwehrkräfte mobilisiert.

Hüther: Ja. Kontrollierbarer Stress führt dazu, dass bereits bestehende Verschaltungen im Gehirn verbessert werden, wenn sie dazu taugen, mit einer Belastung umzugehen. Klappt das nicht, wird der Stress unkontrollierbar. Die dabei ausgeschütteten Hormone tragen dazu bei, bereits vorhandene Verschaltungen aufzulösen. So entsteht Raum, neue Wege zu benutzen und aus den eingefahrenen Bahnen des Denkens und Fühlens herauszukommen.? Die Auflösung der Verschaltungen ist ein Krisenzustand?

Hüther: Grundsätzlich können neue Wege im Denken, Fühlen und Handeln überhaupt nicht beschritten werden, solange man mit den alten zurechtkommt. Man muss also durch eine schwere Krise, in deren Verlauf sich Verschaltungen instabilisieren.

Wie ist so eine Krise vorzustellen?

Hüther: Bei Managern sehen wir das häufig. Manager haben gelernt, bestimmte Probleme sehr effizient zu lösen. Ihre Strategien funktionieren aber nur in der gewohnten Managerwelt. Wenn ein Manager einen Herzinfarkt erleidet, ihm die Frau davonläuft oder die Kinder drogenabhängig werden, funktionieren seine Strategien nicht. Es kommt zu einer schweren Krise. Entweder er findet neue Wege - dann wird er ein anderer Mensch mit anderen Vorstellungen, dem anderes wichtig ist als zuvor. Er kann sich aber auch weigern, neue Wege zu gehen. Dann wird er mit großer Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang krank, sei es körperlich, sei es psychisch, bekommt Schlaf-, Angst- oder depressive Störungen.

Die Krise ist nicht immer eine Chance.

Hüther: Sondern immer auch eine Gefahr.

Wie kann man eine solche Krise verhindern?

Hüther: Die wichtigsten Strategien, mit neuen Anforderungen im Leben zurechtzukommen, erlernt der Mensch in der Kindheit. Manche Kinder erlernen nur zwei, drei Strategien, behaupten sich damit und vertrauen darauf, dass das genügt.

Destruktive Strategien?

Hüther: Auch unterwürfige. Schlimm ist, wenn nur wenige Varianten gebahnt werden. Im späteren Leben werden sich diese Menschen immer wieder Bedingungen suchen, die zu ihren Strategien passen. Das, was sie bereits können, können sie bald immer besser. Häufig sind sie sehr erfolgreiche Spezialisten. Wenn fremdartige Anforderungen in ihre Welt einbrechen, wissen sie nicht mehr weiter. Veranschaulichen lässt sich das an Bäumen. Beengt stehende Bäume wachsen schnell in die Höhe, sind aber instabil. Ideal wäre dagegen, wenn ein Kind wie ein Baum auf freiem Felde aufwachsen und von überall herherausgefordert werden könnte.

Es hätte dann einen Erfahrungsschatz von ganz vielen unterschiedlichen Stressreaktionen.

Hüther: Und wäre vertraut mit ganz unterschiedlichen Bewältigungsstrategien. Als erwachsener Mensch verfügt es dann über ein reichhaltiges Repertoire an Wissen, Können und Fähigkeiten.

»Jeder Mensch kann sich ändern, auch der erwachsene. Weil das Gehirn nie ausreift«
Gibt es nur die zwei Möglichkeiten, in der Kindheit viele Strategien zu erlernen oder als Erwachsener von Krisen geschüttelt zu werden?

Hüther: Lange Zeit sind wir davon ausgegangen, dass das Gehirn eines Menschen ausreift und dann stabil bleibt. Das ist falsch. Gehirne sind zeitlebens plastisch umbaubar. Jeder Mensch kann sich ändern. Erwachsene können versuchen, die Angst einfach zuzulassen, die sie erleben, wenn ein fremdartiges Problem auf sie zukommt. Sie können neue Lösungsmöglichkeiten suchen und ausprobieren.

Wie soll das gehen?

Hüther: Das ist nicht einfach. Oft braucht man Hilfe von Therapeuten und Freunden, die einen bei der Hand nehmen. Wir sind soziale Lebewesen, und der schönste Weg, mit Ängsten fertig zu werden, ist, sich bei anderen Menschen geborgen zu fühlen.

In Ihrem Buch "Biologie der Angst"* schildern Sie das Experiment mit einem Affen, vor dessen Käfig ein Hund kläfft. Ist der Affe allein, hat er eine Stressreaktion. Ist ein zweiter Affe dabei, hat er sie nicht.

Hüther: Das ist ein sehr schönes Experiment und klappt auch mit Meerschweinchen.

So konkret wie im Experiment ist der Auslöser von Angst beim Menschen häufig nicht.

Hüther: Der Mensch leidet heute oft unter unspezifischen Ängsten. Weil Geborgenheit das wichtigste Mittel ist, mit Belastung umzugehen. Und Geborgenheit häufig fehlt.

Ist es vor allem der Mensch, der dem Menschen Angst macht?

Hüther: In der Forschung heißt es häufig, wir hätten die Stressreaktion, um schnell vor der Schlange weglaufen zu können. Aber die Belastungen, unter denen Menschen heute leiden, sind vor allem psychosoziale Konflikte. Wir sind nun einmal sozial organisierte Wesen, und genau so ist unser Gehirn beschaffen: nicht als Organ zum Denken, sondern als Organ, um mit anderen in Verbindung zu treten. Das Gehirn ist ein soziales Instrument.

Manche Forscher raten bei Stress zur Streicheltherapie. Sie zur Liebe. Wie kann man sich Liebe überhaupt im Gehirn vorstellen?

»Mit unseren erlernten Strategien kommen wir wunderbar durch die Welt. Für das Gehirn ist das tödlich«
Hüther: Mit Liebe können nur die Menschen etwas anfangen, die sie bereits erlebt haben. Die frühkindliche Erfahrung von Harmonie und Stabilität bleibt als Erinnerung im Gehirn bestehen. Wenn man sich bei einem Menschen geborgen fühlt, kommt diese Erinnerung zurück. Wir sind ausgeglichen.

Warum kommt es dann auch bei Menschen mit geglückter Kindheit zu Stressreaktionen im Erwachsenenalter?

Hüther: Stressreaktionen und die damit verbundenen Lernprozesse dürften eigentlich nie aufhören. Wir sollten zeitlebens auf Herausforderungen stoßen und nach neuen Lösungsmöglichkeiten suchen. Aber das ist Theorie. In der Praxis sind wir relativ schnell fertig mit unserer Entwicklung. Kommen mit unseren Strategien wunderbar durch die Welt, haben Ansehen, Erfolg, Geld und gestalten uns eine Welt, die unseren Vorstellungen entspricht. Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Denn in dieser Welt gibt es nichts Neues. Keine Stimulation. Wir beherrschen sie. Für das Gehirn ist das tödlich.

Kein Zustand der Gelassenheit?

Hüther: Nein. Einer des Stillstandes. Wenn das Gehirn lediglich zur Bewältigung von Routineaufgaben benutzt wird, werden seine Verschaltungen immer starrer. Irgendwann kann es nur noch degenerieren und zerfallen.

Sollte man also versuchen, den eigenen Ängsten zu folgen?

Hüther: Das Wichtigste ist, sich Herausforderungen zu stellen. Dafür gibt es aber kein Patentrezept. Jeder Mensch muss in sich selbst Mittel suchen, die ihn umgebende Welt aufzubrechen. Nur so kann er die Erfahrung machen, Schritt für Schritt an neuen He- rausforderungen zu wachsen. Dabei baut sich sein Gehirn um. Die Hirnforscher nennen das experience dependent plasticity.

Ruhe wäre dann nur ein Zeitraum zwischen zwei Herausforderungen.

Hüther: Und das brauchen wir: Phasen der Besinnung und der Festigung dessen, was wir im Gehirn angelegt haben. Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, schläft darauf ein.

Was ist dagegen der Stress, von dem alle sprechen?

Hüther: Meistens geht es um einen selbst gemachten Stress. Termine, Ziele, Aufgaben. Neues wird dabei eigentlich wenig gelernt. Es ist immer dasselbe: Jeden Freitagabend geht man noch einkaufen, rennt zwischen den Kassen hin und her und klagt darüber.

Gestresst zu sein ist auch eine Frage des Prestiges.

Hüther: Und eine Modeerscheinung. Wer nicht richtig gestresst ist, gibt damit zu, dass er zu wenig arbeitet. So jedenfalls wird das üblicherweise aufgefasst.

Obwohl Stress und Angst eng zusammenhängen, gesteht kaum einer, dass er Angst hat.

Hüther: Richtig. Eigentlich müsste Stress Angst machen. Aber Angst ist zum Fürchten.

Das schlimmste Gefühl?

Hüther: Wahrscheinlich. Und dabei der Motor der Veränderung. Jeder trachtet danach, die Stressreaktion anzuhalten und das Unkontrollierbare in Kontrollierbares umzuwandeln. Durch Wissens- und Kompetenzaneignung zum Beispiel. Oder durch die Nähe zu anderen Menschen. Auch das ist heute nicht mehr so einfach. Man versucht, sich die Angst abzugewöhnen, indem man mit ihr spielt, beim Bungeespringen etwa oder beim Gucken von Horrorfilmen. Oder dadurch, an etwas zu glauben: an Gott oder die Liebe. Das gibt Geborgenheit, Sicherheit und Stabilität. Aber der Glaube droht ebenfalls abhanden zu kommen.

Die Naturwissenschaften sind daran nicht unschuldig.

Hüther: Stimmt. Sie haben die Vorstellungen des Menschen von der Schöpfung aus der Welt geräumt, haben aber keinen Ersatz zu bieten. Nur Erklärungen dafür, welche Kräfte die Welt auseinander treiben. Das ist keine sehr rühmliche Geschichte. Diese Strategie, das analytische Denken, muss irgendwann abgelöst werden. Durch ein synthetisches Denken, das uns hilft, die vielen zerstückelten Teile dieser Welt wieder zusammenzuführen. Das uns hilft, zu verstehen, wie der Mensch gesund bleibt. Das wäre eine neue Naturwissenschaft.

Warum haben Sie sich denn überhaupt für die Naturwissenschaft entschieden?

Hüther: Ich bin Hirnforscher geworden, weil sich hier naturwissenschaftliches und geisteswissenschaftliches Denken vereinigen. Wir wissen heute, dass unser Verhalten ein neurobiologisches Substrat hat, Verschaltungen, die unser Fühlen, Denken und Handeln lenken. Dass diese Verschaltungen selbst wieder beeinflusst werden von psychischen und psychosozialen Erfahrungen, ist unglaublich spannend. Darum bin ich als Grundlagenforscher in die Psychiatrie gegangen.

Zurück zum Anfang. Sie sagten, Sie seien bei der Geburt Ihres Kindes gestresst gewesen. Was haben Sie dabei gelernt?

Hüther: Mich auf die Kunst der Ärzte zu verlassen.



Gerald Hüther: Biologie der Angst. Vandenhoeck & Ruprecht,Göttingen.130 Seiten, 29 DM


©DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT,
29. Januar 1999 Nr. 4/1999



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