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Wolfgang Bergmann: Hyperaktiv, aufmerksamkeitsgestört
Geschrieben am Friday, 26. March von S. Ihlenfeldt

Karl Gebauer schreibt:
"-Interview mit Wolfgang Bergmann in der "Neue Züricher Zeitung :"Aufmerksamkeit, ADS und moderne Kinder - (ADS ist keine Diagnose" Hyperaktiv, aufmerksamkeitsgestört:) Noch einmal über moderne Medien und die seelischen Folgen Die Not der ADS-Kinder und die Schule


-Aufmerksamkeit, ADS und moderne Kinder

Interview "Neue Zürcher Zeitung" (ADS ist keine Diagnose" Hyperaktiv, aufmerksamkeitsgestört:) Noch einmal über moderne Medien und die seelischen Folgen Die Not der ADS-Kinder und die Schule

Aufmerksamkeit, ADS und moderne Kinder

Interview "Neue Zürcher Zeitung"

ADS ist keine Diagnose" Hyperaktiv, aufmerksamkeitsgestört:

Immer mehr Kindern wird die Diagnose ADS angehängt. Mediziner erklären ADS als Stoffwechselstörung im Gehirn. Der Hannoveraner Erziehungswissenschafter und Psychologe Wolfgang Bergmann bestreitet diese Definition. Er sieht die Aufmerksamkeitsstörung als tiefgreifendes kulturelles Phänomen, bei dem vor allem die Eltern gefordert sind.

Herr Bergmann, Ihr neues Buch heisst "Das Drama des modernen Kindes". Warum ist moderne Kindheit ein Drama?

Allein die Zahl der Ritalin-Verordnungen für die sogenannten "ADS-Kinder" ist in den letzten zehn Jahren um mehr als das 20fache gestiegen. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist bewegungsgehemmt, mit teilweise weitreichenden körperlichen und kognitiven Folgen, jedes dritte Kind hat über Monate oder Jahre Ängste, die sich auch somatisch äussern. Die Zahl der Essstörungen steigt nach einer neuen Untersuchung der Universität Jena besorgniserregend. Kurzum, irgend etwas in der Entwicklung der modernen Gesellschaft scheint unseren Kinder nicht gut zu tun, aber offensichtlich kommen wir damit praktisch und theoretisch nicht zurecht und verschliessen krampfhaft die Augen. Das gilt für Kinderpsychologen und -psychiater ebenso wie für Lehrer.

Konzentrieren wir uns auf die Hyperaktivität oder ADS. Dieses Syndrom wird medizinisch als Stoffwechselstörung im Gehirn definiert. Was taugt diese Definition?

Zunächst einmal differenziert sie nicht ausreichend. Wir haben es einerseits mit ca. 2 Prozent von Kindern, meist Jungen, zu tun, deren Hyperaktive Störungen möglicherweise irgendwann einmal in neurobiologischen Kategorien ausreichend verstanden werden. Das sind die ‚Zappelphilippe', die es offensichtlich in allen Kulturen gibt und vermutlich schon immer gegeben hat. Auf der anderen Seite gibt es eine steil ansteigende Zahl von solchen Kindern, die zutiefst unfähig sind, Ordnungen anzuerkennen. Sie sind nicht Unwillens, sondern unfähig, sich auf die Regelhaftigkeit der Gemeinschaft und ihre symbolischen Ordnungen, auf Sprache, Schrift und Zahl einzulassen. Ihr Verhalten ist dabei hochgradig unruhig, ziellos und egozentriert. Dieses zunehmende Phänomen ist mit Stoffwechselstörungen oder anderen biologischen Spekulationen überhaupt nicht erklärbar.

Was genau ist denn falsch an den gängigen Diagnosestellungen von ADS?

Die Diagnosen sind rein symptombezogen, die erhobenen Daten über das abweichende Verhalten werden festgeschriebenen Symptombildern zugeordnet und statistisch gewichtet. Nichts anderes bedeutet die vielen Eltern vorgetragene "gesicherte Diagnose ADS" mit oder ohne Hyperaktivität. Auf diese Weise lässt sich über Ursachen des Problems im Rahmen der Lebensgeschichte des jeweiligen Kindes, aber auch über die kulturellen Bedingungen seines Verhaltens gar nichts aussagen. Insofern hat die Diagnostik nur sehr begrenzten psychotherapeutisch-praktischen und keinerlei analytischen Wert, es handelt sich um ein simples Zuordnungsverfahren.

Ein Neuropsychologe hat in einem Interview geäussert, einem ADS-Kind das Ritalin vorzuenthalten sei dasselbe, wie wenn man einem Diabetiker das Insulin verwehrte. Einverstanden?

In dieser Zuspitzung ist das natürlich Angstmacherei. Man versucht die Eltern unter Druck zu setzen, weil man einer psychologischen bzw. heilpädagogischen Betreuung keine Wirkung zutraut, oder weil sie zu langwierig erscheint. Nach der heute eigentlich allgemein akzeptierten Lehrmeinung sollte Ritalin oder eine vergleichbare Medikation ausschliesslich begleitend zur psychologischen Betreuung und in der Regel für eine begrenzte Zeitspanne empfohlen werden. Aber die alltägliche Praxis sieht für die meisten Eltern anders aus. Durch die mangelnde Trennschärfe der Diagnose und den oft unzureichenden Wissensstand über die psychologischen Möglichkeiten wird Ritalin viel zu oft verschrieben, es ist davon auszugehen, dass die Medikation bei den allermeisten der so genannten ADS-Kinder unnötig ist..

Worin bestehen eigentlich die Hauptprobleme dieser Kinder?

Wir reden hier über ein enormes kulturpsychologisches Phänomen, dessen Bedeutung seltsamerweise nur sehr zögernd erkannt wird, das gilt für die Sozialforschung ebenso wie für die Kultusbürokratien und viele psychisch betreuenden Institutionen: Viele - und offenbar immer mehr - Kinder spiegeln ihr Selbst und ihre Selbst-Bewußtheit nicht in der sie umgebenden sozialen Welt. Sie bleibt ihnen in gewisser Weise fremd. Dem entspricht ihr eigenes Verhalten ihrer Umwelt gegenüber, es ist fordernd, Egozentriert und bei geringstem Anlass gekränkt. Dieser Egoismus, gepaart mit infantiler Unersättlichkeit, hat zugleich eine depressive Einfärbung.

Was schlagen Sie vor?

Wir kommen vielleicht weiter, wenn wir die sogenannte ADS-Problematik auf dem Hintergrund narzisstischer Störungen zu verstehen versuchen. Narzisstisch bedeutet in diesem Zusammenhang zunächst: Die Kinder sehen und erfahren die Welt rein unter ego-zentrierten Gesichtspunkten. ‚Die ganze Welt soll sich einfühlen in meine jeweiligen Wünsche, und die will ich restlos befriedigt haben, erst dann habe ich das Gefühl, zu meinem Recht zu kommen und also erst dann eine Chance, glücklich zu sein'. Nun ist die Welt nicht so. Sie ist sperrig, sie hat eigene Gesetzmässigkeiten und ein eigenes Recht, und eben daran scheitern diese Kinder. Sobald die Welt geordnet auf sie zukommt - sei es als Schriftzeichen und Syntax, oder als Anweisung des Lehrers oder als vorausgesetzte soziale Norm, die in jeder Kindergruppe bestehen muss -, werden sie unruhig, aggressiv, oft auf drastische Weise. Dabei ist ihre Aggressivität selber wiederum als ein Versuch zu interpretieren, in der Kindergruppe mitzumachen, sich einzumengen, dabei zu sein. Auch diese Kinder sind, wie alle Kinder, vor allem soziale Wesen, aber ihnen fehlen elementare Voraussetzungen, ihre sozialen Bedürfnisse angemessen auszudrücken und zu erleben. Daher die Hektik, das Stoßende, das Treibende, das bei modernen Kindergruppen so auffällig ist und dass etwa in den Grundschulen die Lehrerinnen so beunruhigt, weil sie eine Energie, eine Gewaltdynamik wahrnehmen, die unabhängig von der jeweiligen Situation immer spürbar ist und die sie sich nicht erklären können.

Das hört sich an an wie die Tragödie des Kleinkindes.

Ja, damit beginnt es. Wir alle sind aus dem Paradies der mütterlichen Umhüllung, einer "einigen Welt" vertrieben. Das Kleinkind, das in einer universalen Welt von Mama und Papa getragen und versorgt wird, macht sich mit verwegenem Mut daran, auf die eigenen Beine zu gelangen. Es "stellt sich" der Welt. Übrigens macht die moderne Entwicklungs- und Bindungsforschung darauf aufmerksam, dass auch das frühkindliche Paradies nicht gar so störungsfrei und objektarm war, wie man lange Zeit angenommen hatte, aber es hat offenkundig tief wirkende halluzinativ-symbiotische Qualitäten. Indem das Kind sich nun der Welt zuwendet, fällt es aus dem "Zentrum" und beginnt zu erfassen, dass es nur Körper neben anderen Körper, Objekt neben anderen Objekten ist. Die es umgebende Welt hat eine Ordnung, die ihm die Schritte seiner Entwicklung, seiner Frustrationen und seines Glückes vorgibt. Eben diese Aneignung der konkreten und symbolischen Ordnung der Welt durch die Ausprägung eigener verlässlicher Wahrnehmungsordnungen und die damit verbundene Selbstentfaltung scheint vielen Kindern im Rahmen der modernen Familie nicht mehr zu gelingen. Sie entwickeln keine ausreichend gesicherte und beständige Bindungen zu den wichtigsten Menschen ihrer Umgebung - sie "klammern" sich beispielsweise ängstlich an Mama und reißen sich gleichzeitig ständig wieder los, ihre Unruhe zieht sie hierhin und dorthin und letztlich "nirgendhin". Ebenso wenig können sie ihre Fertigkeiten und intellektuellen Fähigkeiten emotional verankern. So greifen sie gierig nach allem und jedem, aber wenn sie das Ergriffene dann endlich "haben", wissen sie nichts damit anzufangen. Die Freude, die etwa ein Spielzeug verspricht, findet keinen anhaltenden Widerhall in ihrer Seele, sie greifen sofort zum nächsten und so weiter. So wird auch ihr Selbstgefühl, wie ich sagte, unstet und kränkbar und bleibt in gewisser Weise immer "leer". Sie fühlen sich fortwährend benachteiligt oder besser gesagt: um etwas betrogen, und eigentlich sind sie das auch. Ich wünschte mir nun, dass diese Verhaltensprobleme komplexer gedeutet und betreut würden, als es heute anhand eines dominierenden "ärztlichen Paradigmas", wie der Baseler Lernforscher Prof. Hans Grissemann einmal formulierte, geschieht.

Das heisst, die Aufmerksamkeitsstörung entsteht ganz früh in der kindlichen Entwicklung?

ADS-Störungen zeigen sich in jedem Fall sehr früh. Ursächlich ist, abgesehen von den genannten Ca. 2 Prozent der Kinder, deren Störungen vorwiegend biologische Gründe haben, zweierlei: Das erste ist der Mangel an "Stillung", Dauer und Verlässlichkeit in der frühen Kindheit, sozusagen an den Quellen der seelischen Entwicklung. Die moderne Bindungsforschung kann zur Aufhellung dieser Phänomene viel beitragen, zumal dann, wenn sie tiefenpsychologische Einsichten zu Rate zieht (für das Phantastische etwa hat die Bindungsforschung, wie alle empirische Forschung, keinen Sinn). Die andere Ursache - nur scheinbar im Gegensatz dazu - ist die Überversorgung, Überbehütung, Verwöhnung in vielen Familien. Wenn das Kind bei seinem Versuch, den schwierigen Schritt weg von Mama hin zur Ordnung der Welt zu vollziehen, immer wieder abgefedert wird, dann entwickelt es zwar kognitive und funktionale Fähigkeiten; aber es bleibt gleichzeitig seltsam "erfahrungslos". Das passiert beispielsweise, wenn das Kind beim kleinsten Auftreffen auf ein sperriges Möbel sofort von der überängstlichen Mama aufgefangen wird und wenn sogleich - gemeinsam mit dem notwendigen Trösten -, symbioseähnliche Bindungsintensitäten wieder aufgerufen werden. Die Welt als das "kantige Andere" wird dann teilweise geleugnet. Die Unausweichlichkeit, mit der die Dingwelt sich diesem Kind bis in die körperlichen Erinnerungen hinein aufzwingt, wird übermässig gemildert, ebenso wird der Mut und der Zorn, mit dem das Kind sich erneut dem "bösen Möbel" oder dem sperrigen Spielzeug zuwendet, geschwächt. Es lernt sich nicht im Umgang mit der Andersartigkeit der Dinge kennen. In vielen modernen Familien scheinen auf fatale Weise Bindungsunsicherheit und Überfürsorge Hand in Hand zu gehen.

Versagen demnach die Mütter? Ganz nach dem Motto: ‚Mama ist an allem schuld'?

Diese Schuldfrage ist des Teufels! Ich wünschte, man könnte sie aus der Welt schaffen. Aber richtig ist: Wir haben es in der Beziehung von Eltern und Kind mit einer jeweils neu begonnenen, "großen Liebesgeschichte" zu tun, aber Liebesgeschichten, wie wir wissen, können auch eng und selbstsüchtig verlaufen. Die ersten Lebensjahre sind auf kaum wieder-rufbare Weise prägend. In ihnen dreht sich alles um die Abhängigkeit des Kindes von den Eltern, besonders von der Mutter, und um die Liebe der Eltern, besonders der Mutter, zu diesem Kind. Diese Beziehung und Bindung ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Erst später - darauf aufbauend - treten andere Faktoren hinzu. In der modernen Kindheit ist dies vor allem die Medienwelt, auch ihre Wirkungstiefe wird in der Debatte um ADS kaum begriffen. Sie versorgt die Kinder permanent mit narzisstischen Stimuli: mit perfekten Bildern, an denen sie sich orientieren, mit überdimensionalen, omnipotenten Figuren, vom Terminator bis zum Shadow-Man, glatte kalte Allmachtsgestalten ohne Lebensgeschichte - meist haben sie sogar keine Geburt! -, ohne Mitgefühl und ohne Gemeinschaft. Das omnipotente unverletzliche Ich, das sich in seiner soldatischen Verhärtung über allen Bedingtheit erhebt und kaum noch individuelle Züge trägt, ist ein großer narzisstischer Jungentraum. Er gewinnt in den digitalen Medienbilder eine so bisher nicht gekannte Präsenz. Die erstaunliche Kompetenz vieler Hyperaktiver Kinder im Computerspiel gehört in diesen Zusammenhang.

Was können Eltern konkret tun, wenn sie ein hyperaktives Kind haben? Kann diesen Kindern überhaupt geholfen werden?

Durchaus. Entscheidend ist, scheint mir, dass die Eltern wegkommen von ihrer Idee, dass familiäre Leben müsse im Wesentlichen harmonisch sein. Sie müssen sich lösen von dem Idealbild einer konfliktlosen Eltern-Kind-Beziehung. Sie müssen gegenüber dem Kind "das Andere", also die Welt und den Eigenanspruch der Menschen und Dinge repräsentieren. Zugleich sollten sie viel rückhaltloser, als es die allermeisten modernen Eltern tun, ihrer intuitiven Elternliebe vertrauen; sie sollten sich um mehr Klarheit, Deutlichkeit und Verlässlichkeit bemühen: ‚Ich, Vater oder Mutter, bin für mein Kind von einzigartiger Bedeutung. Niemand sonst kann für dieses besondere Kind diese nur mir eigene Väterlichkeit beziehungsweise Mütterlichkeit aufbringen'. Oder anders formuliert, nicht ohne absichtsvolles Pathos: Elternliebe ist eine physische und metaphysische Tatsache. Sie wird von den Kindern, auch den allerschwierigsten, wie ein großes Versprechen aufgenommen. Dies ist der Ausgangspunkt jeder psychologischen Betreuung und jeder Elternberatung. Ist diese Beziehungsqualität erst einmal konkret im lebendigen Alltag wieder belebt, kann das Kind beginnen, seine verschütteten Ordnungskräfte, seine Wahrnehmungsfähigkeiten und seine sozialen Kompetenzen, kurzum, seine seelischen Selbstheilungskräfte gemeinsam mit den Eltern zu entfalten.

Interview: Irène Dietschi

Noch einmal über moderne Medien und die seelischen Folgen

Erfurt, Amok und die Folgen des Terminators

Nach den Ereignissen von Erfurt erfasste viele Eltern eine tiefe Sorge, in der Intimität der kinderpsychologischen Beratung und Therapie wurde sie (gelegentlich) ausgesprochen: "Ist mein Sohn etwa auch so einer wie dieser Robert S.?", fragten manche. " Sehen Sie Ähnlichkeiten?" Solche Sorgen sind keineswegs unberechtigt. Ja, es gibt eine gerade Linie von der "Logik" des Amoklaufes bis hin zu den Hyperaktiven Aggressivitäten und Rücksichtslosigkeiten. Es gibt zwischen beiden auch meist eine weitere Verbindung, die nach den Erfurter Ereignissen viel besprochen wurde: Die Liebe der Hyperaktiven Kinder, zumal der Jungen, für gewalttätige Computerspiele. Beides, die soziale Aggressivität und die destruktiven Impulse, die man aus dem Spiel empfängt, können sich auf fatale Weise potenzieren.

Ja, es ist so, dass für viele dieser Kinder das Soziale eine einzige Zumutung ist, und wenn die Zumutung zur Kränkung wird, weil man dieses und jenes nicht schafft, was alle anderen schaffen, weil man immer wieder ausgegrenzt wird und immer wieder scheitert bei seinen Integrationsbemühungen, dann verlieren viele Kinder jedes Maß, sie schlagen um sich, sie sind unberechenbar sich selber und anderen gegenüber. Und manchmal stürzt einer so tief, dass er buchstäblich "alles" auslöschen will, wie es sonst nur in den Computerspielen der Fall ist. Dann schiesst einer sich den Weg frei, um an Ende zu erkennen, dass er dabei alles verloren hat.

Ja, zwischen dem unglücklichen Robert S. und vielen Hyperaktiven Jungen gibt es Parallelen, je genauer man hinsieht, desto auffälliger werden sie. Der Verlust an männlicher Autorität gehört auch dazu. Ich habe der Geschichte jenes Lehrers - der bezeichnenderweise in den Medien später kritisiert wurde - sofort für authentisch gehalten. Dieser Lehrer namens Heise berichtete, dass er den amoklaufenden Jungen auf dem Flur angetroffen habe, er habe ihn angesprochen und gefragt: "Robert, bist du es?" Und dann zerbrach die omnipotente, aggressive und tödliche Gebärde und machte einer kläglichen Infantilität Platz. Robert S., so berichtete der Lehrer Heise, fiel in sich zusammen und wimmerte: "Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr." Wie ein Kleinkind eben, das unter seiner Großmannssucht immer verborgen gewesen und nicht rechtzeitig entdeckt worden war.

Da war sie wieder, die Erfahrung, die wir mit Hyperaktiven Jungen so oft machen: endlich wurde Robert bei Namen gerufen, endlich traf er auf eine erwachsene (männliche) Stimme, die ihn in die Ordnung der Welt rief, aber es war ja schon alles zu spät. Sie hätte viel früher kommen müssen ...

Alle ließen ihn im Stich!

Ja, die psychische Entwicklung, die dieser Junge nahm - sein schulisches Scheitern und seine Unfähigkeit, mit diesem Scheitern fertig zu werden, seine Einsamkeit und die Unmöglichkeit, sie zu durchbrechen, sein Rückzug in die perfekt-blendenden Licht-Szenarien mit überlebensgroßen Potenzbildern im Computer - dies alles ist keineswegs nur ein individuelles Schicksal, es trägt zeittypische Züge. Mehrmals wurde Robert vom Unterricht ausgeschlossen. An die Eltern erging eine formale Erklärung seitens der Schulbehörde, die der Junge ihnen ohne Mühe vorenthalten konnte. Nachfragen gab es nicht, keiner kümmerte sich weiter um diesen Hernawachsenden, der in vielen Anteilen seiner Psyche noch ein Kind war.

Und als er wieder versagte, wurde er eben von der Schule verwiesen. Der formalen bürokratischen Ordnung war Genüge getan. Alles andere interessierte nicht recht! Dies ist der Schulleitung und dem Kollegium dieser Erfurter Schule nicht vorzuwerfen - jedenfalls nicht mehr, als es hunderten von anderen Schulen in unserem Land auch vorzuwerfen wäre. So ist eben die Routine in einem von bürokratischen Abläufen geregelten Schulalltag. Wenn die Kinder stürzen, dann fühlt sich Schule nicht verantwortlich, nicht einmal zuständig. Mag er stürzen, er ist auf einem formal korrekten Weg an eine andere Institution, eine andere Zuständigkeit weitergeleitet worden. Warum sollte man sich um ihn kümmern?

Wir haben im letzten Kapitel über die latente und offene Gewalt im sozialen Alltag gesprochen haben, dies ist ein weiteres Beispiel. Ich erleben diese Art der korrekten Routine gegenüber hilflosen Kindern und Eltern in der kinderpsychologischen Praxis viel zu oft. Es fällt schwer, dem Schulbetrieb dabei in den Arm zu fallen (Immer muß dieser Kritik sogleich hinzugefügt werden, dass ich wie andere Psychologen oder Sozialpädagogen immer wieder hoch engagierte Lehrer, kompetente und engagierte Pädagogen antreffe, mit denen sich hervorragend - und oft erfolgreich - kooperieren lässt. Aber das sind Ausnahmen, sie sind nicht ganz selten, aber Ausnahmen bleiben sie im Schulalltag dennoch).

Wie also soll ein 17- oder 18 -jähriger Junge - vermutlich mit kindlicher Seele - solchen übermächtigen Mechanismen stand halten? Was hat er ihnen entgegen zu halten? Nicht mehr als seine kleine kläglich gescheiterte Existenz. Irgendwann glaubt so einer, überrumpelt von der Abweisung an allen Ecken und Enden, dass er nichts mehr wert ist. Aber dies ist ein Gedanke, den keiner wirklich erträgt, ein junger Mann von 17 oder 18 Jahren schon gar nicht. Also plustert er sich auf und wenn das nicht genügt, dann greift er zu einem Potenzbeleg, einem Gewehr, wenn denn eines in der Nähe ist, und wenn man es erst einmal in der Hand hat, dann ist es ja nur konsequent, davon auch Gebrauch zu machen. So schiesst man sich den Weg frei und schiesst damit buchstäblich ins eigene Herz.

Am Schicksal am Robert S. sind mir, als ich von den Details seiner Entwicklung und seines schulischen Schicksals erfuhr, vor allem die überindividuellen, die allgemeinen Verläufe und Motivstränge aufgefallen, die für so viele Jugendliche ganz ähnlich gelten. Roberts Individualität schien dagegen vollständig zu verblassen. Die sofort aufbrechende Diskussion, ob Computerspiele ihn zum Amoklauf verführten, hat etwas von der Banalität des Verschweigens. Noch immer nicht trauten (und trauen) sich Politik und Schulbehörde, Lehrer und Pädagogen an den Kern des Desasters heran. Lieber schieben sie Ersatzfragen und banale Antworten vor die tiefer reichende Fragestellung, die nach individueller Verantwortung und überindividuellen Ursachen gleichzeitig fragt, Analyse und persönliche Verantwortlichkeit zusammenführend. Nichts davon. Statt dessen werden in zahllosen Medien zahllose Experten aufgeboten, die in zahllosen Sätzen in aller Regel Unüberlegtes von sich geben. Was sollten sie auch schon sagen?

Kinder ohne innere und äußere Ordnung, sie sind unberechenbar

Ich habe die Eltern gut verstanden, die mir vor mir saßen, die Sorge ins Gesicht geschrieben. Sie hatten ein Gefühl für die Bedrohung, die von der Vergleichbarkeit des Schicksals jenes unseligen Robert S. und ihres eigenen Sohnes ausging. Gewiss, solche Sorgen müssen zuerst wieder in ein richtiges Maß gebracht werden. Nein, es ist nicht wahrscheinlich, dass ihr Sohn zu ähnlichen Aktionen greift, wie sie in Erfurt geschehen sind. Nein, es ist höchst unwahrscheinlich, dass Hyperaktivität und Computerbegeisterung gleichsam in unmittelbarer Folge solch massive Destruktivität zur Folge hat. Aber dennoch befinden wir uns auf einer großen Linie, die von den vernachlässigten, überaktiven Kindern hin zur Logik des Amoklaufs führt, Ihr Sohn befindet sich irgendwo in der Mitte dieser Linie, es ist schwer auszumachen, welchem Ende oder welchem Pol er eher zuneigt. Ja, Wachsamkeit ist geboten, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit. Kurzum, all das, was diese Kinder in der Schule und in der Familie viel zu wenig erhalten haben.

Ja, wir haben eine Chance, auch Ihr Kind zu beeinflussen und zu prägen, wenn es uns gelingt, stellvertretend für dieses Kind Ziele, Absichten, Zukunftsentwürfe zu formulieren, zu planen und auch durchzusetzen. Auch Ihr Kind, möchte ich diesen Eltern sagen, wirkt gegenüber einem Erwachsenen mit der Fähigkeit zu großzügiger und authentischer Autorität gegenüber oft wie befreit. Auch Ihr Kind fasst dann (manchmal überraschend schnell) Vertrauen und zeigt endlich die andere, die hilflos verlorene Seite seiner Übersensibilität und Überaktivtät. Auch Ihr Kind möchte die Tür zur Wirklichkeit aufstoßen...

Auch für Ihr Kind gilt, dass ihm der Lernstoff - wie alle Ordnungen - aufgezwungen wird. Auch Ihr Kind setzt sich reflexhaft zur Wehr. Die symbolischen Ordnungen aus Schrift und Zahl, die gegliederten und regelhaften Strukturen wirken wie Zumutungen. Das ist Weltordnung in ihrer abstraktesten Form, Ihr Sohn versteht sie einfach nicht. Er findet sich in diesen geordneten Reihen der Schrift, in ihrer Gleichförmigkeit und feinsten Differenzierung nicht zurecht, dies alles verschwimmt vor seinen Augen zu einem lästigen Einerlei. Die Welt der Symbole ist ihm so fremd wie die Welt des sozialen Miteinanders - und trotzdem gilt, was ich eben sagte: Auch diese Kinder drängen zu einem Miteinander, zur Gemeinschaft, sie haben oft sogar eine intuitive Begabung für spontane Kommunikation und hilfreiche Gesten, die andere Kinder nicht in dieser Weise haben sondern erst lernen müssen ...

Für jedes der Kinder und alle Eltern hätte ich dieselben oder beinahe dieselben Worte wählen können. Für alle trifft Vergleichbares in fast regelhafter Weise zu. Und für all diese Kinder gilt dass sie im Cyberspace viel mehr zu Hause sind als in ihrer eigenen Familie. Auch dafür gibt es viele Gründe.

Realität? Ach was..schieß doch!

Ich habe auf den faszinierenden Charakter der Lichttechnologie im Cyberspace hingewiesen, auf die enorme Geschwindigkeit, mit der alle Aktionen sich in einer unmittelbaren Weise aktualisieren, aufgerufen und wieder gelöscht werden. Die Geschwindigkeit dieses Mediums entspricht der Ungeduld dieser Kinder. Endlich treffen sie auf ein symbolisches System, in dem sich die Funktionsweisen ihres Gehirns und die Bilder und Aktionen zu einer Einheit fügen, in der sie erfolgreich agieren können.

Noch ein Motiv tritt hinzu, das den Faszinationssog in unvergleichlicher Weise vermehrt: In den Ego-Shootern, auch in vielen Aufbau- und Strategiespielen, sind Informationen und Bildsequenzen von Omnipotenz der vernichtenden Art vorherrschend. Die Botschaft dieser Spiele ist einfach. Sie lautet: Es gibt gar keine Realität, es gibt keine Wahrheit, ein guter Spieler schießt und reagiert schon, bevor er etwas "wahr"-nimmt. Für einen guten Spieler ist das technologisch-elektronische Spielgelände nichts anderes als ein unaufhörliches Auftauchen und Versinken von Anlässen, die ihn zur Reaktion, zum Losknallen, zur Bewegung des Laserschwertes, zum Abwurf der Granaten veranlassen. Wer nachdenkt, ist schon verloren. Wer sich einen Plan macht, braucht gar nicht erst anzufangen. Alle Realitätseinsprüche sind bedeutungslos. Zwischen Schein und Sein gibt es im Cyberspace nicht die geringste Differenz. Es gibt eigentlich nur die fortwährende Vernichtung des Anderen im Dienst der Selbsterhaltung. Eben dies ist auch die Logik des Amoklaufs.

Die Väter sind tot. Und wir, die Kinder?

Ich habe diese Logik in einem längeren Aufsatz und in mehreren Vorträgen am Beispiel des "Terminator" dargestellt. Ich will meine Überlegungen anhand dieses "Denkbildes" noch einmal zusammenfassen. Der "Terminator" war ein Kinobild, es ist längst in die vorderste Reihe der Kult-Figuren des digitalen Zeitalters gerückt. Der Terminator war in seiner ersten Fassung ("Terminator 1") noch ein Maschinenwesen. Das kam, nebenbei bemerkt, den schauspielerischen Vermögen Arnold Schwarzeneggers sehr entgegen. Wer könnte ihn in seiner muskelerstarrten Starrheit schon von einem Cyborg unterscheiden? Schwarzenegger war die perfekte Verkörperung eines Medientraums, der nur aus "körperlicher Erscheinung" besteht und nicht die geringste Spur von Individualität erkennen lässt. Er, der muskulöse "Cool-Man" mit Waschbrettbauch passte auf jedes Titelbild eines life-style-Magazins ebenso gut wie in die Rolle einer Maschine, einer tödlichen. Damit wird eine unterschwelligen Dimension der körpernarzißtischen Titel- und Werbebilder ganz nebenbei mit thematisiert. Beide haben einen das Individuelle auflösenden Zug, er ist der Destruktion verwandt.

Immerhin war der Cyborg in Terminator 1 noch ein materielles Wesen, ein Objekt, das sich unter anderen Objekten bewegte, wenngleich zerstörerisch und wütend. Der narzißtische Traum wie ich im Verlauf dieses Buches darlegte, geht aber weiter, er will nicht mehr Körper neben anderen sein, sondern reine Energie, reine Destruktion. Dieser Traum wurde im "Terminator 2" Kinorealität.

Mit dem Fortschreiten der bildtechnologischen Möglichkeiten überwand er seine "Objekthaftigkeit". Dazu war das "Computer-Morphing" entwickelt worden. Es handelt sich um eine Bildtechnik, in der alle Gesichter, alle Körper, alle Merkmale fließend von einer Erscheinung in eine andere übergehen. Was hier ins Bild gesetzt wird ist nicht weniger als die Auflösung von Alter - ein faltiges Gesicht verwandelt sich gleitend in ein junges, makelloses -, von Geschlecht - Männer mutieren zu Frauen und Mädchen zu Greisen -, von Emotionen - Wut verändert sich zu einem Lachen, ein freundlicher Blick geht über in eine Todesmaske -, kurz: alles was Merkmal des Individuellen ist, wird im Morphing aufgelöst in ein gleitendes, wechselndes, fließendes Nicht-Geschlecht, Nicht-Alter, Nicht-Körper, Nicht-Gesicht usw. Was hier mittels der fortgeschittenen Technik in Erscheinung tritt, ist ohne Form und Kontur, sondern reine beweglich flüssige Masse, aus der mal diese und mal jene Gestalt in iedaler Weise hervortreten kann. Das ist das absolute Nicht-Ich.

Dieser Terminator ist Kult, er wurde Folie und Vorbild für zahllose Computer-Heroies, die ihm folgten. Wenn also ein kleiner Spieler am Monitor im Cyberbild interagiert, wenn er buchstäblich in die Funktion des Spiel-Ichs, das im Cyberraum agiert, hineinkriecht, dann leistet er eine Identifikation mit einem Geisterwesen, das keine Begrenzung in Zeit und Raum kennt und akzeptiert. In den Spielen, die dem Terminator fortsetzten, vollendete sich das Omnipotenz-Versprechen der Technologie über die "Abschaffung des Ich und des Körpers" hinaus.

Im Terminator 2 ist dies zu erstenmal sichtbar Bild geworden. Der Terminator, wenn er denn verwundet wird, zuckt nur kurz zusammen, man sieht, wie die Kugel durch seinen Leib, der kein Leib ist, sondern eine höhere Energie, hindurch saust, sie reißt eine Öffnung in seinem fiktiven Leib, bis die energetischen Ströme wieder zusammenfließen: Heil! Das reale Ich ist ein Objekt unter Objekten, Körper neben Körpern, es ist verletzlich. Das digitale Ich ist es nicht. Es ist nicht mehr das Ich, das den Blicken anderer ausgesetzt ist und sich an ihnen bewähren muss, es ist frei!

Dies reicht weit über die Maschinenträume hinaus, die die kleinen Jungen früherer Generation träumten. Die massiven Kriegsmaschinen waren immer noch der Mechanik und Logik verhaftet, wer sich als Soldat im Inneren der Maschine träumte, musste sich bis zu einem gewissen Grad mit der Objektbeschaffenheit des eigenen Kriegsgerätes und des eigenen Körpers und mit den Maschinen und Körpern der Feinde auseinandersetzen. In diese digitalen Energienkonstruktionen hingegen, taucht das tagträumenden Kinder-Ich widerstandsfrei ein und vermischt mit ihnen, das Ich geht dabei glückhaft verloren.

Das ist das Ende der Ordnungen, es ist mit einem ungeheueren narzistischen Versprechen behaftet. Und die Väter? Diese spielenden Kinder benötigen ihre Väter nicht mehr, die ihnen in früheren Generationen den Gebrauch der großartigen Maschinen, die Funktionsweise der imponierenden Industrieanlagen vorführten. Sie brauchen ja auch keine Regeln mehr, kein Entgegen-gesetztes, kein Ich, das die Dinge versteht und interpretiert. Sie brauchen nur das Nicht-Ich, die Auflösung aller bewussten Prozesse, um zu der in diesen Bildflüssen vorgestellten Freiheit vorzustoßen.

Und sie tun es, zu Hunderttausenden und Millionen gebannt im Kinosessel, entrückt vor dem Monitor im Computerspiel. Computerspiel von der Art des Terminators und die Kinobilder, die derselben Technologie folgen und ihr ihre erzählerische Struktur und ihre Motive entnehmen, sind das Zeichen an der Wand. Das Menetekel, das über der modenen Kindheit hängt. Sie bieten den Identitätsnöten unserer modernen Kinder Auswege an, die vom Ich wegführen, weit weg, über jede Grenze hinaus ...

Die Not der ADS-Kinder und die Schule

Sascha ist 12 Jahre alt, seit einigen Wochen besucht er eine Sonderschule für Lernbehinderte. ADS-Kinder stören an allen Ecken und Enden. In unserem gegliederten Schulsystem werden sie deshalb gern "nach unten" weitergereicht. Mit Müh und Not erreichen sie dann trotz ihrer oft überdurchschnittlichen Intelligenz noch einen Hauptschulabschluss oder beenden ihre schulische Karriere an so genannten "Förderschulen" für verhaltensauffällige oder lernbehinderte Kinder. Geholfen wird ihnen weder hier noch dort.

Es gibt keine schulischen Betreuungskonzepte, es gibt keine solide begründeten, wirksamen Lehrer-Fortbildungen, es gibt in den Kultusministerien nicht einmal Überlegungen dazu. Das Thema, das täglich in allen Grund- und Hauptschulen bedrängend aktuell wird, steht politisch einfach nicht auf der Tagesordnung. Auch Sascha ist mit der Überweisung an die Förderschule endgültig aufgegeben worden. Er weiß das, und die Mitschüler, die zusahen, wie er immer weiter weggeschoben wurde, wissen es auch. Es macht ihnen Angst.

ADS-Kinder mit Hyperaktivität neigen nicht nur zur Aggressivität. Trotz ihrer Intelligenz laufen sie ausserdem kritiklos hinter den besonders lautstarken, besonders gewalttätigen, meist deutlich älteren Kindern oder Jugendlichen her. An seiner neuen Schule trifft Sascha solche Mitschüler in ausreichender Zahl an. Man hätte ihm kaum einen schlechteren Dienst erweisen können, als ihn in dieses Gewaltklima zu drängen. Nein, er wird keinen Schul Abschluss bekommen, er hat damit auch kaum eine Ausbildungschance. Seine Intelligenz wendet er jetzt Zielen zu, die ihm aussichtsreicher erscheinen.

Simone gibt auf!

Simone ist zehn Jahre alt. Sie ist kein sehr sympathisches Kind. Simone ist egoistisch, verwöhnt, keine zwei Minuten kann sie still auf ihrem Stuhl sitzen, im Unterricht stört sie lautstark. Ihre Leistungen sind mangelhaft, ihre Intelligenz ist durchschnittlich. Wie die meisten ADS-Kinder hat sie eine Lese- Rechtschreibschwäche, auch der logische und geordnete Umgang mit Zahlen fällt ihr schwer (Die typischen Lernstörungen der aufmerksamkeitsschwachen Kinder sind von sogenannten Teilleistungsstörungen - Legasthenie oder Dyskalkulie - schwer zu unterscheiden. Aufgrund ungenauer Diagnosen erhalten zahllose Kinder schulischen Förderunterricht oder besuchen Legasthenietherapien, die ihnen nicht helfen).

Die Grundschullehrerin ist überfordert, Simone bekommt es zu spüren. Inzwischen hat sie eine therapeutische Betreuung begonnen, die erste Erfolge zeigt. Aber sie kommen wahrscheinlich zu spät. Zuhause weiß sich Simone jetzt umgänglicher zu verhalten, sie hat sogar - zum ersten Mal in ihrem Leben! - eine feste Freundin, aber in der Schule ist sie immer noch ein Störfaktor. Ihre Leistungen sind miserabel, sie ist ein Außenseiter geblieben. Das wirft sie in ihrer seelischen Entwicklung immer wieder zurück. Der Versuch des Kinderpsychologen, die Schule in die Betreuung des Mädchen einzubinden, scheitert. Die Klassenlehrerin hält ADS für eine überflüssige Modediagnose. Dem betreuenden Psychologen erläutert sie in einem ersten Gespräch, das Kind sei einfach faul und aufsässig. Eine Therapie erscheine ihr sinnlos. Kenntnisse über ADS hat sie nicht. Ein zweites Gespräch mit dem Rektor der niedersächsischen Grundschule bleibt ebenfalls ohne Ergebnis, ihm ist ein "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" nicht bekannt. Beide machen deutlich, dass sie sich "nicht zuständig" fühlen.

Statt dessen wird ein sonderpädagogisches Gutachten eingeleitet, mit dem Ziel, das störende Kind aus der Schule zu entfernen. Simone zeigt daraufhin vermehrte Symptome von Unaufmerksamkeit, Wut und Ängstlichkeit. Sie mag jetzt überhaupt nicht mehr lernen. Wahrscheinlich benutzt sie das pädagogische Versagen der Lehrer unbewusst, um sich von den Anforderungen der Therapie, die ihr schwer fallen, zu entlasten. "Ich bin so entmutigt, weil meine Lehrer mir keinen Mut macht," das ist einerseits die Wahrheit, andererseits eine höchst raffinierte Ausrede, der Kinderpsychologe und Eltern wenig entgegen zu setzen haben. Solche trickreiche Cleverness ist für ADS-Kinder typisch. Ihr ganzer Lebensweg ist davon geprägt, dass sie mit fixer Intelligenz und massivem Trotz von einer Sackgasse in die nächste rennen. Die Lehrerin fühlt sich durch die wieder zunehmenden Probleme des Kindes bestätigt, sie begleitet Simones Entwicklung jetzt immer häufiger mit ironischen Kommentaren gegenüber der Psychotherapie. Manchmal glaubt Simone ihr, manchmal nicht. Simone hat keine Chance.

Der sanfte Schlaf vor der Katastrophe

Zwei Beispiele für zahllose. Aufmerksamkeitsdefizite mit oder ohne Hyperaktivität nehmen dramatisch zu. Um so erstaunlicher ist das Desinteresse von Lehrern und Schulbehörden. Auf jeder Lehrertagung wird die ausufernden Dissozialität der Schüler, zumal der Jungen, beklagt. Dass Hyperaktive Kinder an der allgemeinen Unruhe und dem latenten Gewaltklima einen erheblichen Anteil haben, steht ausser Frage. Sogar dem "Spiegel", in pädagogischen und psychologischen Themen selten auf dem Laufenden, war das "Zappelphilipp-Syndrom" eine Titelgeschichte wert. Nur die Kultusministerien wissen von nichts. Die Fortbildungs-möglichkeiten für engagierte Lehrer sind gering, die dafür vorhandenen Materialien bewegen sich fachlich am Rand der Ahnungslosigkeit. So bleiben diese überaktiven, kränkbaren und oft gewaltbereiten Kinder ein Konfliktpotential, das an den Grund- und Hauptschulen die Lehrer Tag für Tag überfordert.

Woher rührt das Desinteresse der Schulbürokratien und besonders der Minsiterien. Vemutlich daher, dass das ADS-Thema höchst kompliziert und unübersichtlich ist. Da verlässt man sich gern auf Autoritäten, die die Schulpädagogik seit je in anderen Disziplinen vermutet und sich selber nicht zuschreibt. Analytisch freilich hat die Kinderpsychiatrie mit ihren großen Institutionen wenig zu bieten, und die komeplexeren Diskussionen außerhalb der zentralen Kliniken und Forschungsstellen erreichen die Bürokratie nicht. Freilich ist schon die Beschreibung der ADS-Symptome ist kompliziert. Ich habe im vorigen Kaptiel einiges darzustellen versucht, ich ergänze die Schilderungen dort mit einigen begrifflicheren Umschreibungen: ADS ist eine komplex vermittelte Störung sowohl der sensorischen wie der symbolischen Fähigkeiten eines Kindes, die sich bereits im frühkindlichen Alter bemerkbar macht. Ihr Körperbild ist ungenau, sie bewegen sich behend und trotzdem unsicher im Raum, sie bleiben an allen Ecken und Enden hängen oder rempeln Menschen und Dinge an, weil sie sie buchstäblich nicht wahrgenommen haben. Sie erscheinen dabei aufdringlich und rücksichtlos.

Ohne den Filter der Erfahrungen - schutzlos

Den ADS-Kindern mangelt es vor allem an der Fähigkeit, regelhafte Vorgänge zu erfassen und zu wiederholen. Ohne das Begreifen, nein, das Verinnerlichen von Regelhaftigkeit in der umgebenden Welt gibt es keine verläßliche Wahrnehmung, kein stabiles Zeitempfinden, keine sinnenhafte Symbolbildung. Die Welt bleibt diesen Kindern bis zu einem gewissen Grad in ihrer Eigengesetzlichkeit fremd. Insofern fällt es ihnen sehr schwer, körperliche und seelische Erlebnisse zu "generalisieren". Äußere Regel (normative, moralische, physische usw) werden nicht zur inneren Regelhaftigkeit, damit ist auch der Entfaltung differenzierter Wahrnehmungs- und Symbolisierungsvorgänge die Grundlage entzogen. Ein Hyperaktiver Junge steigt beispielweise auf einen hohen Tisch und springt ohne Einsicht in die Gefahr herunter, knickt den Fuß um und weint jämmerlich, um sogleich wieder auf denselben Tisch zu klettern und denselben Schmerz noch einmal zu erleiden. Oft erwecken diese Kinder den Eindruck, als müssten sie sich seelisch und körperlich von jeder Art von Empfindung abschotten. Man kann den hochkomplexen Sachverhalt vielleicht grob in folgenden Satz zusammenfassen: ADS-Kinder können ihre Erlebnisse nicht als Erfahrungen festhalten. Sie sind ohne "die Filter der Erfahrung" ihren Impulsen schutzlos ausgesetzt.

Aus demselben Grund sind Strafen weitgehend wirkungslos. Ich werde dies in einem späteren Kapitel noch ausführlicher darstellen. Die kleinen ADSler nehmen sie hin wie Schicksalschläge. So kann es passieren, dass sie unmittelbar nach einem intensiven und vertrauensvollen Gespräch, ja, selbst nach einer heftigen Bestrafung - inclusive dem innigen Versprechen, "es nie wieder zu tun"! - dasselbe Vergehen sogleich wiederholen. Den von Mal zu Mal anwachsenden Zorn der Erwachsenen nehmen sie verständnislos zur Kenntnis. Gerade engagierte Lehrer, die einen "einfühlenden", zur Selbstverantwortung ermutigenden Umgang mit schwierigen Kindern gelernt haben, scheitern hier regelmäßig. Sie reagieren auf die scheinbare oder tatsächliche Unerreichbarkeit der ADS-Kinder oft gekränkt oder moralisch empört. Zuletzt erscheinen ihnen die vielfältigen Auseinander-setzungen, die diese Kinder provozieren, unerträglich.

Joscha brüllt, springt auf und ist dauernd gekränkt

Joscha ist ein ständiger Unruhefaktor im Unterricht. Er kaspert, er ist ein Außenseiter. Seine Witzeleien werden belacht, er selber wird zugleich ausgelacht. Joscha ist intelligent, er weiß das. Aber ausgelacht zu werden ist immer noch besser, als gar nicht wahrgenommen zu werden. Joscha ist auf die ständige Zuwendung anderer Menschen angewiesen, auch dies gehört zum "Symptombild" aufmerksamkeitsgestörter Kinder. Permanente Aufmerksamkeit der Umwelt gleicht in gewisser Weise ihren eigenen Mangel an Selbstwahrnehmung aus. Joscha lenkt ununterbrochen alle Ohren und Augen auf sich, notfalls lautstark. Er posiert, provoziert etwa im Unterricht mit Zwischenrufen, er ist in seiner Egozentriertheit unbändig Lehrer sehen bei mangelnder Disziplin zur "Schulstrafe" keine Alternative. Joscha muß regelmässig nachsitzen.

Die Folgen sind voraussehbar. Kaum etwas ist für einen Hyperaktiven Jungen unerträglicher, als von der Umwelt abgeschnitten und in seinem lebhaften Agieren eingeschränkt zu sein, Nachsitzen ist ebenso wie Hausarrest eine seelische und körperliche Qual. Während Joscha sich anfangs trotz oder mit seiner Wildheit um die Zuneigung der Lehrerin bemühte, werden seine Aktionen jetzt immer aggressiver, verhärteter. Er akzeptiert überhaupt keine Grenzen mehr, weder in der Wahl seiner Worte noch in der Heftigkeit seiner körperlichen Unruhe. Warum sollte er?

Zahllose Schulkonflikte nehmen genau diese Entwicklung, eine Struktur wie ein Teufelskreis; in einem zu entwickelnden Betreuungsprogramm für die Lehrerfortbildung wäre dies ein zentraler Punkt: Hyperaktive Kinder sind weder Ermahnungen noch Strafen zugänglich, alles was Reflexion erfordert, erreicht sie nicht. Sie folgen in fast allen Situationen nur ihrem verständnisarmen Willen. Sie neigen dazu, ihre jeweilige Befindlichkeit ohne Rücksicht auf die Umstände direkt auszuleben und auszudrücken. Die Realität um sie herum scheint dabei in einen für Erwachsene schwer nachvollziehbaren Bewußtseinsdämmer zu versinken. Sie wird nicht oder unzureichend zur Kenntnis genommen. Die Folge ist paradoxerweise keine Ausblendung von Umweltreizen, sondern im Gegenteil eine permanente Überbeanspruchung ihrer Sinnesverarbeitung durch zu viele Umweltreize.

Das Paradox lässt sich vermutlich so auflösen: Was sich meinem Interesse fundamental entzieht, gleichwohl nicht aus der Welt zu schaffen ist, das drängt sich mir auf eine ungeordnete Weise wieder auf. Hyperaktive Kinder nehmen alles und jedes gleichzeitig zur Kenntnis, und begreifen nichts. Sie können ihre Sinneseindrücke nicht durch Verstehen regulieren. Die vorhin erwähnte unvollständige Symbolisierung ihrer Wünsche und Interessen, ihr instabiles Selbstempfinden und ihre verarmte soziale Wahrnehmung spielen hier eine zentrale Rolle. Was wichtig ist und was unwichtig, das wissen sie nicht zu unterscheiden. Alles ist einfach "da", ungedeutet, und alles zwängt sich in ihren Kopf. So hören und fühlen und sehen sie buchstäblich "alles mögliche", zugleich wird ihr Wille zur Verfolgung und Verteidigung ihres jeweils präsenten Bedürfnisses immer starrer, aus Sicht der anderen Menschen: rücksichtslos.

Überall müssen sie sich zur Wehr setzen

Sie sind sehr laut, und beschweren sich heftig über den Lärm im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof. Weil alles so unverständlich und ungefiltert auf sie eindringt, haben sie das Gefühl, sie müssten sich gegen eine geräuschvolle Umwelt zur Wehr setzen, durchsetzen. Sie können eine sinnhaft-integrierte Wahrnehmung offenbar nur solange aufrecht erhalten, wie sie einen Gegenstand oder ein Thema in Übereinstimmung mit ihrem jeweiligen Wunschinteresse weitgehend zu kontrollieren oder zu regulieren vermögen. Wo dies gelingt, ist ihre Konzentration paradoxerweise höher als die anderer Kinder - wohl auch, weil ihnen ihre Umgebung ohnehin fast ohne Bedeutung ist. Sie sind dann von ihrem Spielzeug oder einem Computer kaum mehr wegzubewegen.

Anders gesagt: entweder ist es so, dass die eigengesetzliche Welt sich ihnen aufdrängt und sie geradezu überschwemmt, oder sie wird fast vollständig ausgeblendet. Zwischenstufen, Differenzierungen der Wahrnehmung, insofern Abwägungen und Bewertungen gibt es für sie kaum. Alles lenkt sie ab und macht sie wütend, während zugleich ihre Wünsche und ihre Intelligenz einem a-sozialen Selbstempfinden verhaftet bleiben. Sie stecken in der Falle. Die Umwelt von Menschen und Dingen wird zur Belästigung. Manche schlagen dann um sich, andere werden fahrig und ziellos, springen im Klassenzimmer sinnlos auf und setzen sich wieder hin, andere machen Faxen, um sich aus der buchstäblich "unmöglichen" Situation zu befreien und an den Reaktionen der Mitschüler notdürftig zu orientieren.

Wenn sich in diesem geistigen und seelischen Tohuwabou endlich eine authentische und erwachsene Stimme mit Autorität meldet, die sowohl die Konfusion wie die egozentrische Bedürftigkeit anerkennt und zugleich die Außenwelt durch die eigene Person - also klar, gegenwärtig, eindeutig - zur Geltung bringt, dann wirkt dies wie eine Befreiung. Auch dazu im Kapitel --- mehr. Solch befreiendes Verhalten kann man lernen. Psychologen können es, Lehrer könnten es auch. Das wäre ein Anfang. Er wird Tag für Tag verpasst.

Sie sind so und auch ganz anders

Damit also haben es Lehrer täglich in den Schulen zu tun. Kinder mit AD-Syndrom: sie sind fast ausnahmslos im Lernen behindert, wirken im sozialen Umgang unberechenbar, sie reagieren auf kleinste Kränkungen und andere Störungen hoch aggressiv. Sie machen Unterricht zeitweise fast unmöglich. Aber wahr ist auch: in persönlichen Beziehungen sind sie oft vertrauensvoll, fast naiv. An einmal eingegangenen Bindungen zu erwachsenen Autoritäten halten sie ausdauernd fest. Oft klammern sie sich an eine vertraut gewordene Person, als suchten sie in ihr den Ausgleich ihrer eigenen Unfertigkeiten. Im Umgang mit kleineren Kindern, oft auch mit Tieren, zeigen sie erstaunliche Fähigkeiten. Sie haben zugleich mit ihrer Gewaltbereitschaft eine ursprünglich anmutende Begabung zur Pflege. Nein, nichts ist einfach, nichts ist eindeutig an diesen Kindern. Moralische oder normative Beurteilungen sind nutzlos, auf diese Weise begreift man sie nicht. Aber auch einfühlende und interpretierende Gespräche helfen ihnen nicht und führen bei den erwachsenen Betreuern oft nur zu Enttäuschungen. Es bedarf komplexer entwicklungspsychologischer und neurobiologischer Interpretationen, um diesem Verhaltenstrend moderner Kinder auf die Spur zu kommen. Der Schule und den Schulbehörden fällt dabei eine besondere Verantwortung zu. Sie werden ihr nicht in Ansätzen gerecht.



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